lessico famigliare – Neuerscheinungen

Bildgestaltung in Anlehnung an die Cover-Struktur des Wagenbach Verlages 

Die Romane von Davide Longe

In seinen Büchern schildert Longo die Berglandschaften seiner Heimat Piemont, einsame Dörfer und ihre verschlossenen Bewohner. Sein Roman Der Steingängerhandelt vom Mord am jungen Mann Fausto in einem piemontesischen Tal. Der Hauptverdacht für den Mord an Fausto liegt bei Cesare, der in der Vergangenheit jahrelang zusammen mit Fausto als Schleuser Flüchtlinge von Italien über die Berge nach Frankreich führte. Diese Zeiten sind längst vorbei und Cesare findet eines Tages zufällig seinen Patensohn und ehemaligen Kollegen Fausto tot in einem Bachlauf auf. Die Ermittlungen der Polizei können das Schweigen des gesamten Dorfes nicht brechen. Die Schweigsamkeit der Dorfbewohner ist zugleich ästhetisches Stilprinzip des Romans, der erzählt, indem er verschweigt und damit sowohl seine Figuren als auch das Erzählen an seine Grenzen führt. Erst die Ermittlungen Cesares selbst bringen Klarheit in das Geheimnis um diesen Mord, der sich nicht als ein berufliches Verbrechen erweist, sondern eine Tat aus den klassischen Motiven wie Freundschaft und Verrat, Liebe und Rache.

Mit einer atmosphärisch aufgeladenen und zugleich klaren und schnörkellosen Sprache erzählt Longo nicht nur in diesem Roman, sondern auch in seinem zweiten Kriminalroman Der Fall Bramard, der erstmalig in deutscher Übersetzung im Rowohlt Verlag erschienen ist. Kommissar Corso Bramard soll eine ganze Serie von Morden an Frauen aufklären, die alle einem Ritual zu folgen scheinen. Alle Leichen sind durch feine Schnitte auf dem Rücken gekennzeichnet. Kurz bevor Bramard das den Morden zugrunde liegende Muster erkennen kann, wird seine eigene Frau Michelle getötet und es verschwindet nicht nur der Mörder, sondern auch seine kleine Tochter Martina. Tief erschüttert gibt Bramard daraufhin seinen Posten als Kommissar auf und zieht sich als Geschichtslehrer in sein piemontesisches Elternhaus zurück. In dieser Lebenslage setzt das Romangeschehen ein. Von den Ereignissen der Vergangenheit wie von Dämonen verfolgt, lebt Bramard zurückgezogen bis ihn ihn eines Tages ein Brief des Mörders mit Zeilen aus Leonard Cohens Gedicht „Story of Isaac“ erreicht, die ihn dazu veranlassen, die Ermittlungen zu den Serienmorden sowie dem Verschwinden seiner Tochter erneut aufzunehmen. Die von Longo äußerst spannend komponierte Kriminalgeschichte verbindet sich dabei mit der genauen Analyse unterschiedlicher gesellschaftlicher Milieus, die sich zwischen der dekadenten Oberschicht Turins und der kargen Bergwelt des Piemonts entfalten. Die kurzen Kapitel reihen Ereignis an Ereignis, sind durchsetzt von literarischen Verweisen auf Maupassant, Montale und dem japanischen Autor Kawabata wodurch die Handlung an Vielschichtigkeit gewinnt, ohne an Tempo und  Anziehungskraft zu verlieren.

Davide Longo wurde 1971 in Carmagnola bei Turin geboren, studierte an der berühmten Turiner Literaturhochschule Scuola Holden, an der er heute selbst lehrt. Für seinen ersten Roman Un mattino a Irgalem (2001), das vom Abessinienkrieg 1936 handelt, erhielt 2002 den Premio Grinzane Cavour und wenig später den Premio Via Po für das beste Erstlingswerk. Für seinen zweiten Roman Der Steingänger (Il mangiatore di pietre, 2004), der nun in neuer Auflage im Wagenbach-Verlag erschienen ist, erhielt Longo ebenso bereits zwei Preise: den Premio Città di Bergamo und den Premio Viadana. Longos dritter Roman L‘Uomo Verticale (Der aufrechte Mann) erschien 2010. Sein letzter Roman Il caso Bramard erschien 2014 im Feltrinelli Verlag und erscheint nun erstmals in deutscher Übersetzung (Der Fall Bramard) im Rowohlt Verlag in Hamburg in der Übersetzung von Barbara Kleiner. Neben seiner Tätigkeit als Romanautor und Erzähler, verfasst Longo auch ein Kinderbuch (Il laboratorio di Pinot, 2002), Dramen (Pietro Fuoco e Cobalto, Il lavoro Cantato, About Fenoglio u.a.) sowie Beiträge für zahlreiche italienische Zeitungen und den Rundfunksender RadioRai. Er arbeitet als Regisseur von Dokumentarfilmen (Carmagnola che resiste, Memorie dell’Altoforno) und Herausgeber u.a. im Einaudi Verlag, in dem die Anthologie Racconti di Montagna (2007) erschien. Longo lebt in Carmagnola. 

Longo wird nicht nur in Italien, sondern auch im deutschen Feuilleton als eine große Begabung der jungen italienischen Gegenwartsliteratur (zu der Autoren wie Paolo Giordano, Andrea Bajani und Michela Murgia gezählt werden können) gefeiert. Für weitere Informationen siehe den Link zur Homepage des Autors: http://www.davidelongo.com/
Davide Longo: Der Steingänger, Berlin: Wagenbach Verlag 2015, 176 Seiten, 9,90 €. Davide Longo: Der Fall Bramard, Hamburg: Rowohlt Verlag 2015, 320 Seiten, 19,95 €.
 

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