Folge 15: »Ich möchte die Schuld jemand anderem geben«

Anna Giurickovic Dato erzählt in ihrem Debüt »Das reife Mädchen« (»La figlia femmina«, Fazi Editore 2017) die überraschende und quälende Geschichte eines unschuldigen Mädchens und seiner verzweifelten Mutter. Der Roman erschien in deutscher Übersetzung 2018 im Piper Verlag.

Unausweichlich. So ist dieser Roman. Er ist direkt. Seine Sprache ist schlicht, ihre Wirkung ist eindringlich und enorm. Die Geschichte ist aufwühlend, schrecklich und sehr gut erzählt. Alarmierend und spannend bis zur letzten Seite.

Die 29jährige Anna Giurickovic Dato hat mit »Das reife Mädchen« ihren ersten Roman veröffentlicht. Ungewöhnlich wie außergewöhnlich ist die Wahl ihres Themas für ein Debüt: der Missbrauch eines jungen Mädchens, das sich selbst zur Lolita macht. Mit Wucht schlagen die ersten Seiten auf den Leser ein. Es geht gleich zur Sache: Die kleine Maria wird von ihrem Vater abends im Kinderbett angefasst. Damit ist nichts mehr wie es einmal war.

Die Spannung des Anfangs lässt nicht nach. Mit einer unerträglichen Klarheit führt der Text den Leser an die Grenzen des Erträglichen. Weiterlesen heißt dann hinzuschauen, heißt auszuhalten statt zu verdrängen. Erzählt wird aus der Perspektive von Marias Mutter Silvia:

»Ich wartete auf die Rückkehr meines Mannes, tat so, als sei nichts geschehen, ging Maria aus dem Weg, als wäre sie eine Fremde, die einen Anschlag auf mein Leben verübt hatte, und nicht meine kleine, fünfjährige Tochter, die mich dazu bringen wollte, genauer hinzusehen, die Signale des Unwohlseins aussandte, damit ich bemerkte, dass sie litt, dass ihr etwas angetan wurde.«

Maria ist fünf Jahre alt als sich ihr Vater Giorgio zu ihr ins Bett legt, um sie im Intimbereich zu streicheln und sich von ihr berühren zu lassen. Maria kann sich nicht wehren, das Geschehene nicht in Worte fassen. Aber ihr Verhalten verändert sich. Sie wird aggressiv, sie zerkratzt die Wände, fügt sich Verletzungen zu und schlägt auf ihre Mutter ein, die ihre Tochter nicht wiedererkennt, und hilflos über die Dinge hinwegsieht. Die Eltern sind überfordert, doch Giorgio verhindert, um seine Schuld zu verstecken, dass Silvia für sie beide Hilfe sucht. Und die verunsicherte und ängstliche Silvia hält sich an Giorgio, den sie von Anfang an blind liebt – attraktiv, stark und autoritär wie er ist. Sie sind eine glückliche, eine heile Familie, daran gibt es für Silvia keine Zweifel. Im marokkanischen Rabat führen sie seit Jahren ein wohlhabendes und friedliches Leben, das ihnen Giorgio als Diplomat ermöglicht.

Doch das Familienleben wird zu einer Zerreißprobe und Giorgio zieht sich immer mehr zurück. Als er sich nach Jahren schließlich das Leben nimmt, geht Silvia mit Maria zurück nach Rom. In Rom versuchen sie alles zu vergessen. Welch Freude ist es für Silvia als sie ihre inzwischen dreizehnjährige Tochter eines Tages beobachtet wie sie fröhlich zum Markt geht, um Bohnen für das Abendessen einzukaufen. Für einen Moment ist das Leben friedlich, leicht und harmlos. In das Leben von Mutter und Tochter scheint Normalität zurückzukehren. Doch noch am selben Abend, als die eitle und fröhliche Maria den neuen Freund ihrer Mutter, Antonio, kennenlernt, führt sie den wieder gewonnenen Alltag, das scheinbare Glück, an die Grenzen des Zulässigen:

»Maria beugt den Kopf nach hinten, ihre Haare sind so lang, dass sie fast über den Boden schleifen, während ihr starkes Becken mit der schmalen Taille sich perfekt an Antonios kräftigen Körper schmiegt.«

»Ein violettes Dreieck blitzt mal unter Marias Rock vor, mal verschwindet es wieder. Als Antonio ihr noch eine Scheibe Kuchen reicht, fällt sein Blick zwischen ihre Beine.«

Silvias Hoffnungen, die sie in Rom neu geschöpft hat, zerplatzen und mit ihnen der Wunsch, Erlösung von der Vergangenheit zu finden. Während die Mutter durch Antonio ihre Schüchternheit wiederentdeckt, wird bei Maria eine völlig unnatürliche Schamlosigkeit freigelegt. Ihr Kalkül offenbart wie unüberwindbar die seelischen Verletzungen der Kindertage sind. Silvia ist nicht nur entsetzt, sondern absolut verwirrt. Sie weiß nicht, was sie fühlt, was sie sagen soll und bürdet sich damit an diesem endlos scheinenden Abend die Schuld auf, nicht eingegriffen zu haben:

»In dem Verwirrspiel zwischen dem Bewussten und dem Unbewussten, dem Gesagten und dem Gefühlten kann ich nicht mehr klar unterscheiden, ob das, was passiert, nur deshalb passiert, weil ich es sehe, oder ob es wirklich passiert, ich mich schlafend stelle und in keiner Weise eingreife.«

Unbegreiflich ist Silvias Verhalten, dass sie in die Situation nicht eingreift, dem Elend ihrer Tochter kein Ende setzt, indem sie sie vor sich selbst schützt. Begreiflich ist, dass Silvia von Scham erfüllt ist, ihrer Scham gegenüber dem, was in der Vergangenheit, in Rabat, passierte und gegenüber dem, was in der Gegenwart, in Rom, gerade passiert. Nachvollziehbar ist, dass sie Antonio nicht verlieren will, dass sie nicht handelt, um das Geschehen nicht wahr sein zu lassen. Menschlich ist ihre Wut über sich selbst, das eigenartige Verhalten ihres Mannes gleich zu Beginn ihrer Liebe und später die Signale ihrer Tochter ignoriert zu haben.

»Mir schien, als hätte ich es immer gewusst, es war ein Entsetzen ohne Überraschungen«

Die Gegenwart wird von kleinen Sequenzen aus der Kindheit durchwoben, z.B. wie der Vater, Giorgio, Maria das Sprechen beibrachte. Die Erinnerungen an die glücklichen Zeiten der jungen Familie, an die Zeit vor Marias Geburt sind nicht nur die Suche nach Momenten des Glücks, sondern auch nach unerkannten Indizien, die der Katastrophe vorausgingen, die Warnungen hätten sein können. Hätte die Mutter ihre Tochter retten können? Zugleich werden Einblicke in den vom Islam geprägten marokkanischen Alltag gegeben, die subtil Macht- und Gewaltsphären ermitteln und die entsetzliche Spannung ausgleichen, die das Abendessen in Rom, Marias Verführungsoffensive, begleitet.

Anna Giurickovic Dato, © Privat / Piper Verlag

»Intensiv und psychologisch meisterhaft erzählt Anna Giurickovic Dato von Hilflosigkeit und Liebe, Macht und Unschuld und der Ohnmacht in einer Familie«, schreibt der Piper Verlag über das Buch, das im Oktober 2018 in seinem Programm erschienen ist. Und genau so ist es. Die präzisen Beobachtungen der Körper, der Bewegungen und Verhaltensweisen lassen beim Leser Gefühle des Entsetzens und des Widerwillens aufsteigen. Es fällt mir kein zweites Buch ein, das so direkt und pointiert über das Geschehen und die Folgen von sexuellem Missbrauch in einer Familie erzählt. Es mag bereits unzählige Fernsehfilme zum Thema geben, aber noch kein Buch, das so haarsträubend und mutig von einer jungen Lolita erzählt. Ein beachtliches Stück Literatur! Kein Wunder, dass Anna Giurickovic Dato in Italien mit ihrem Buch in den Medien für viel Wirbel und Aufsehen gesorgt und es auf die Liste für den Premio Strega geschafft hat.

Zur Webseite des Buches im Piper Verlag: Das reife Mädchen (2018)