Folge 5: Die Verfallsgeschichte eines Mehrgenerationenhauses oder wo und was ist Heimat?

Marco Balzano, Damals am Meer, Berlin, Aufbau Verlag 2013

Leonardo, Ricardo und Nicola – das sind die Köpfe dreier Generationen der Familie Russo, deren Zusammenleben und Entwicklung aus der Perspektive Nicolas, des Jüngsten, geschildert werden. Familie Russo lebt in Mailand, stammt ursprünglich aber aus Barletta, einer kleinen Hafenstadt in Apulien, in der die Familie Russo noch immer die Wohnung im dritten und obersten Stock der Hausnummer 37 in der Via Garibaldi besitzt. Die seit Jahren immer mehr verfallende Wohnung soll verkauft werden, aber das ist nur die äußere Handlung. Schnell ist klar, dass das Haus sowie die Reise in die alte Heimat zugleich Symbole für die Familienverhältnisse, die wechsel-vollen Vater-Sohn-Beziehungen und die Frage nach Heimat und Erinnerung sind. Übrigens, im italienischen Original heißt der Roman Il figlio del figlio (Der Sohn des Sohnes). Der italienische Titel lenkt den Fokus viel stärker auf die angespannten Vater-Sohn-Beziehungen, v.a. zwischen Ricardo und Nicola. 

Italienische Erstausgabe 2011

Nicola, ein arbeitsloser Gymnasiallehrer von 27 Jahren erfährt keinerlei Anerkennung von seinem Vater. Für Ricardo ist Nicola längst überfällig, sowohl beruflich als auch privat. Im ständigen Vergleich mit seiner eigenen Biographie lässt Ricardo seinem Sohn keine Chance: In seinem Alter war Ricardo längst verheiratet, musste mehrere Kinder durchbringen und hatte bereits einige Jahre gearbeitet. Ricardo, der zwar den wirtschaftlichen Aufschwung, die Aufbruchsstimmung und Erwartung einer besseren Zukunft nach dem Zweiten Weltkrieg in Mailand erlebt hatte, hatte zugleich den damit verbundenen Verlust der süditalienischen, ländlichen und familiären Heimat nicht verkraftet. Verbittert blickt er in die Vergangenheit zurück, ist zweigeteilt wie seine Sprache. Sprache ist in diesem Roman ohnehin ein Gradmesser der persönlichen Beziehungen, des Generationenkonflikts und der gesellschaftlichen Entwicklung einer Familie: der Chemiker Ricardo spricht Hochitalienisch mit dialektalen Einflüssen, Leonardo ist bis heute Analphabet geblieben und spricht einen italienischen Dialekt, der nichts mit der hochitalienischen Sprache zu tun hat. Und Nicola? Er spricht keinerlei Dialekt mehr und ein reines Hochitalienisch. Diese sprachliche Konstellation zeigt buchstäblich die kommunikativen Schwierigkeiten zwischen den Generationen an. Sprachverlust ist zugleich Vergangenheitsverlust. Die sprachliche Verfallsgeschichte wird dabei in ungewohnte Richtung gedacht: der Dialekt verfällt zum Hochitalienischen. Mit diesem verfallen die Familienbeziehungen zu standardisierten, distanzierten Rollenmustern, die nicht mehr durch Vertrauen, Liebe und Austausch gekennzeichnet sind. Großvater, Vater und Sohn bzw. Enkel verstehen einander nicht mehr, weil sie nicht mehr dieselbe Sprache sprechen. Nicola spricht den Dialekt des Großvaters nicht und versteht ihn kaum. In diesen letzten Tagen, die sie in der Wohnung der Großeltern am Meer in Barletta verbringen, wird ihm bewusst, „wie armselig dieser Rest war, dieses Überbleibsel“ (S. 169), der ihn zwar verstehen, aber nicht mehr in der ursprünglichen Sprache sprechen lässt. Trotz dieser sprachlichen Distanz zwischen Großvater und Enkel, pflegen sie allerdings eine viel verständnisvollere und lebensfröhlichere Beziehung. An die Stelle des streitsüchtigen Konflikts tritt die Akzeptanz des anderen so wie er ist, während Ricardo an seinem Sohn kaum ein gutes Haar lässt.

Auf der Reise nach Barletta geraten die drei Generationen zwar noch einmal ins Gespräch, jedoch überwiegen Streit, Unverständnis und Schweigen. Die Kommunikationsprobleme werfen die Frage auf, was wir eigentlich voneinander wissen. Die Gespräche über Gott und Glaubensfragen, Denk- und Erfahrungsweisen sowie die Erinnerungen an die Kriegsgeschichte werden zwar während eines Klosteraufenthalts wach, das Schweigen und die Entfremdung der Generationen und ihrer Lebensweisen können jedoch auch diese nicht überwinden. Bis zum Schluss bleibt der Verkauf der Wohnung ein Streitpunkt. Die Säuberung der von Tauben beschlagnahmten Terrasse der Wohnung mutet wie ein martialischer Abschied von der Heimat an. Dieser Abschied ist ein Kampf eines für die Heimat längst Verlorenen – Leonardo wie auch Riccardo. Und so kämpft auch nicht Leonardo um den Erhalt seiner Wohnung, in dem er den Hauptteil seines Lebens als apulischer Bauer verbracht hat, sondern es ist sein Enkel Nicola, der dieses Haus gerne behalten hätte, obwohl er darin bis auf ein paar Sommerferien gar nicht gelebt hat. Auch Ricardo hängt nicht besonders an dem Haus, hat der eigentliche Verlust der Heimat und der Wohnung in viel früheren Jahren stattgefunden, nämlich als er mit seinen Eltern Leonardo und Anna nach Mailand zog. Während der Verkauf der Wohnung also eher wie eine logische Konsequenz des Lebenslauf der beiden Älteren erscheint, ist für den jungen Nicola, der noch nicht recht Fuß gefasst hat in seinem Leben, das Haus am Meer ein Ort der Träume, der Erinnerungen, die wertvoller scheinen als seine realen Erfahrungen in der Gegenwart. Nicht zuletzt, um seinem Vater zur Last zu fallen, sondern auch wegen dieser imaginären Bindung an das Haus, beschließt er seinen Vater und Großvater nach Barletta zu begleiten. 

„Zu Hause ist man da, wo die Menschen wohnen, mit denen man sein Leben verbracht hat, und jetzt ist das hier.“ (Balzano, S. 27)

Wo also ist Heimat und ist sie dasselbe wie das Gefühl Zuhause zu sein? Wie verhalten sich Herkunft und Heimat zueinander? Sind es Erfahrungen, Erinnerungen oder vielmehr Träume, die, wenn wir sie an Orte heften, das Gefühl von Heimat herstellen? Kann Heimat zu einer Last werden? In Mailand spricht man über den Verfall des Hauses nicht gern, doch Leonardo macht sich nichts vor: „Für ihn war diese Verwahrlosung ein Spiegel des Verfalls der Familie. Und er hatte recht.“ (Balzano, Seite 23).

An einem Freitag machen sich die drei Männer mit ihrem Fiat Punto auf den Weg nach Barletta und schon am Dienstag trennen sich ihre Wege wieder. So wenig es ein gemeinsames Interesse am Haus gibt, gibt es auch keine gemeinsame Heimaterfahrung und keine gemeinsame Heimreise: Großvater Leonardo fährt mit dem Zug nach Mailand zurück, der Vater Riccardo fährt mit dem Auto weiter zu Geschäftsterminen und der Sohn bzw. Enkel Nicola fährt mit dem Bus nach San Ferdinando zu Caterina, seiner Großmutter mütterlicherseits, die als einzige Verständnis für den „modernen“ Werdegang ihres Enkels zeigt. Es wird damit am Schluss noch einmal verdeutlicht, was ein Grundzug der ganzen Geschichte ist, nämlich dass sich die Generationen zunehmend auseinanderleben und auch nicht wieder zueinanderfinden, dass sich dieser Verlust – sei es eine Erfahrung der Vergangenheit oder der Gegenwart wie für Nicola – nicht kompensieren lässt. Unüberwindlich ist die Erfahrung, dass mit dem Verlust des Ortes auch eine Zeit verloren geht oder umgekehrt: Der Versuch am schönen Schein Barlettas festzuhalten wie es v.a. Leonardos Frau Anna tut, ist der Versuch die längst vergangenen Jahre in der Heimat festzuhalten.

„Kurz und gut, sie kämpfte darum, ein Verhältnis zum Raum zu bewahren, da man das Verhältnis zur Zeit nicht bewahren kann.“ (Balzano, 132)

Geht es zwar um einen bestimmten Ort, das Städtchen Barletta, befördert die Spannung dieses Ortes zur norditalienischen Metropole Mailand v.a. Reflexionen von Zeit hervor. Nicola schwärmt von seiner Lektüre Prousts, dessen La recherche du temps perdue für ihn das schönste Buch überhaupt ist. Mit der Proust’schen „mémoire involontaire“ lässt sich sogleich sein Verhältnis zur Heimat seiner Eltern und Großeltern beschreiben: Prousts La recherche du temps perdue ist eine fiktive Autobiographie: ein weitgehend anonymes Ich versucht vergeblich sich an seine Kindheit und Jugend zu erinnern. Was ihm willentlich nicht gelingt, ermöglichen ihm schließlich eine Reihe „unwillkürlicher Erinnerungen“ – Sinnesassoziationen, welche Erlebnisse der Vergangenheit auf intensive Weise vergegenwärtigen und damit erinnerbar machen. Das berühmteste Beispiel ist der Geschmack einer in Tee getauchten Madeleine, der den Ort seiner Kindheit (Combray) in ganzer Fülle wiederauferstehen lässt. Klar ist auch für Nicola: Erinnerung ist etwas höchst Subjektives und in der Erinnerung ist es möglich, Zeit für einen Moment aufzuheben. Im Augenblick der Erinnerung fließen Vergangenheit und Gegenwart ineinander. Zeit gerät dabei zunehmend durcheinander. In den Gesprächen mit seinem Großvater und Vater ebenso wie in den Phasen des gemeinsamen Schweigens spürt Nicola, „dass sich in bestimmten Raumausschnitten die Zeit unvermeidlich staut und das diese die Zeiten sich zuweilen ineinanderschieben, verheddern, sich vermengen ohne eine Möglichkeit, die zusammengepressten Schichten voneinander zu trennen.“ (S. 182) Dass für den Großvater die alte Zeit unwiederbringlich ist, zeigt beispielhaft der Tod seines alten Freundes Ciccillo aus der kommunistischen Sektion früherer Jahre. Ricardos positives Erinnerungsvermögen wiederum ist gänzlich blockiert durch den Schmerz des (zu früh) erfahrenen Heimatverlustes. Eine positive Erinnerung und die Chance auf das Glück der Heimat werden folglich erst in der dritten Generation, nämlich mit Nicola, wieder möglich. Und so endet die in diesem Roman aufgespannte „Theorie der Breitengrade“ (Balzano, S. 189) am Meer als einem offenen Raum, in den Nicola hineinschwimmt wie in seine ungewisse Zukunft als Gymnasiallehrer. Das Meer verschafft ihm eine neue Perspektive:

„Ich schwamm in dem immer noch flachen und trüben Wasser, legte den Kopf zurück und fuhr mir mit den Händen durchs Haar. Ich weinte grundlos. Eine unbestimmte Zeit lang.

Ich hatte keinen Ort mehr, an den ich zurückkehren konnte. Die Fantasie wurde um einen lichten Raum ärmer, der dazu gut war, sich vom Ansturm der immer gleichen Tage zu erholen. Mailand, nichts als Mailand, (…) Und doch, die Stadt, vom Meer aus gesehen, die Palmen, die schuppenartigen Fassaden, die dicht gedrängten Buckel der Häuser der Altstadt hatten nichts mit mir zu tun, außer dass ich dort einen Widerhall jener zwei oder drei Schnappschüsse verblasster Erinnerungen wiederfand. Dennoch weinte ich. Dennoch fühlte auch ich mich entwurzelt, fühlte, dass ich es immer gewesen war.“ (Balzano, S. 199-200)

Im offenen Meer schwimmend wird sich Nicola über seine eigene Heimatlosigkeit und Einsamkeit bewusst, die er sowohl in Barletta als auch in seiner Geburtsstadt Mailand empfindet. Bei aller Trauer geht sein Weg jedoch ins Offene, während der Großvater aus der fremd gewordenen alten Heimat Barletta in die Fremde der neuen Heimat Mailand zurückkehrt und sich Ricardo ins Nirgendwo unpersönlicher Geschäftstermine flüchtet. Für Nicola aber ist alles offen: „Ich schwamm ins Offene.“ (Balzano, S. 200) Heimweh gibt es für den Kommenden und Gehenden schließlich nicht: „Aber Heimweh spürte ich nicht, vielleicht war ja gerade das hier der Ort meiner Sehnsucht, das Meer, wo ich nicht wusste, welche Richtung ich einschlagen sollte, das Gassengewirr hinter den Promenaden, eingefügt in eine Zeit, die jede schon gewesene Zeit sein konnte.“ (Balzano, S. 219) Damals, am Meer. Lesen wir also Balzano, am besten noch heute.

Marco Balzano, Damals am Meer, aus dem Italienischen von Maja Pflug, Berlin, Aufbau Taschenbuch Verlag 2013; Die deutsche Erstauflage erschien 2011 im Verlag Antje Kunstmann in München.

Italienische Erstausgabe: Marco Balzano, Il figlio del figlio, Roma, Avagliano 2011.

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.