Über die Sehnsucht, die uns umtreibt und antreibt

Sehnsucht

Es schienen so golden die Sterne, 
Am Fenster ich einsam stand 
Und hörte aus weiter Ferne 
Ein Posthorn im stillen Land. 
Das Herz mir im Leib entbrennte, 
Da hab' ich mir heimlich gedacht: 
Ach wer da mitreisen könnte 
In der prächtigen Sommernacht!
 
Zwei junge Gesellen gingen 
Vorüber am Bergeshang, 
Ich hörte im Wandern sie singen 
Die stille Gegend entlang: 
Von schwindelnden Felsenschlüften, 
Wo die Wälder rauschen so sacht, 
Von Quellen, die von den Klüften 
Sich stürzen in die Waldesnacht.
 
Sie sangen von Marmorbildern, 
Von Gärten, die über'm Gestein 
In dämmernden Lauben verwildern, 
Palästen im Mondenschein, 
Wo die Mädchen am Fenster lauschen, 
Wann der Lauten Klang erwacht, 
Und die Brunnen verschlafen rauschen 
In der prächtigen Sommernacht. 

Joseph von Eichendorff

Das Gedicht „Sehnsucht“ von Joseph von Eichendorff erschien erstmals 1834 in seinem Roman „Dichter und Gesellen“ . In dem Roman macht sich Baron Fortunat auf den Weg nach Italien. Auf seiner Reise zu Pferd begegnet er verschiedenen Menschen, Bekannten, Freunden, Künstlern und Frauen bis er schließlich in Rom ankommt, wo ihm ein Freund aus Heidelberg eine Wohnung beschaffen hat. Der Roman erzählt entlang der Reise des Künstlers nach Italien und zurück, entlang seiner Begegnungen und seiner einsamen Stunden, seiner Erfahrung von Akzeptanz und Ablehnung exemplarisch, was man mit der Kunst in der Welt bewirken und zugleich in ihr anrichten kann. Dabei ist es die Sehnsucht, die in zugleich umtreibt, aber auch antreibt.

Sehnsucht stiftet Unruhe und ist damit Ursprung einer jeden Tat, die aus dem Inneren begründet und die leidenschaftlich verteidigt wird. Sehnsucht gibt der Hoffnung in der Not die Kraft, die sie braucht, damit es dem Hoffenden gelingt, durchzuhalten. Sehnsucht ist ein Ziel in unserer Fantasie, von dem wir glauben, das wir es in der Realität erreichen können. Sehnsucht ist zugleich ein Schmerz und eine Freude. Für Fortunat in „Dichter und Gesellen“ ergießt sich seine Sehnsucht in seiner Poesie, die er als Aufgabe und Lebensform versteht. Dabei spielt Italien eine existentielle Schlüsselrolle, insofern die Reise die Tat ist, die seine Sehnsucht nach Heimat in der Welt und in der Kunst verursacht hat. Denn Heimat kann nur der finden, der Heimweh hat.

In Tagen wie diesen – der Zeit der Corona-Krise – sehnen wir Menschen uns, die wir die Welt nur mit dem Blick und dem Ruf aus dem Fenster erreichen, nach unserer Heimat. Wir fühlen Heimweh in unserer Heimat, wir sehnen uns nach der Reise in die Welt und vor unsere eigenen Haustüren, einer „Reise“, die uns mit unserem eigenen Leben wieder verbindet. Dabei denken wir sowohl an unsere Freunde in Italien und der ganzen Welt als auch an die Begegnungen mit Freunden, mit Familie, Kollegen, und auch mit uns fremden Menschen, die zu neuen Freunden und Bekannten werden können. Wir denken an die Begegnungen im Alltag und an die Begegnung mit unserer Kultur – unserer Esskultur, unserer Kino- und Theaterkultur, unsere Musikkultur und unsere Bildwelten in Museen und beim Gang durch unsere Stadt.

Und so ist dieses Gedicht von Joseph von Eichendorff viel näher an unseren Gefühlswelten als man sich spontan vorstellen kann. Mit diesem Gedicht „Sehnsucht“ und den Fotos italienischer Fenster sei ein Bogen von der Romantik in die Gegenwart gespannt (das Fenster ist ein zentrales Motiv in der Literatur und Bildenden Kunst der Romantik) und von unseren italienischen Freund zu uns und umgekehrt. Wir alle werden uns dieser Tage vielleicht gerade weil wir auf unsere Fensterausschnitte zurückgeworfen sind und uns nach der Welt da draußen sehnen, unserer Freundschaften und Werte bewusst. Italien, das Land, das die Deutschen seit Jahrhunderten lieben, und mit dem wir in dieser Krise bangen, ist und bleibt ein Sehnsuchtsort, weil wir in ihm nicht nur die Ferne, sondern immer auch unsere eigene Heimat suchen.

Ich kann es kaum erwarten wieder im warmen Schein der Sonne durch meine Heimatstadt zu ziehen und nach Italien zu reisen, um meine Sehnsucht nach Heimat und Freundschaft auszuleben. Nutzen wir diese seltsame Zeit für Augenblicke, die einen Rahmen nicht nur im Fenster unserer Wohnungen und Häuser finden, sondern auch in der Literatur und den Künsten allgemein. Es ist schließlich der Augenblick, in dem wir uns dieses Gedichts, aber auch des Romans „Dichter und Gesellen“ von Joseph von Eichendorff erinnern, dessen Roman in Deutschland noch immer viel zu unbekannt ist.

Dichter Italiens

Dichter Italiens, Lyrik zweisprachig

Eine Reise durch 8. Jahrhunderte italienischer Lyrik

In einunddreißig klugen Essays mit ausgewählten, zweisprachig erscheinenden Gedichtbeispielen erschließt dieser Band einen neuen Zugang zu den prominentesten Vertretern der Lyrik in Italien. Arnaud Tripet führt dabei durch alle wichtigen Epochen und ordnet bedacht und differenziert die Dichter in ihr geschichtliches Umfeld ein. Dabei beleuchtet er ihrer Rolle als Signalgeber der jeweiligen Generation.

Der Herausgeber und Autor Arnaud Tripet ist emeritierter Professor für französische und italienische Literatur der Universitäten Chicago und Lausanne. Er ist – mehrfach ausgezeichneter – Autor literaturkritischer und -theoretischer Werke und darüber hinaus Verfasser speziell philosophisch ausgerichteter Studien sowie von zwei Novellensammlungen und einer zweisprachigen Anthologie italienischer Dichtung von den Anfängen bis heute.

Die Übersetzungen der Gedichte stammen von Dr. Doris Gasteyger, die in der Verlagsbranche zu arbeiten begann und später als freie Journalistin in Paris tätig war.

Das Buch, das im Frühjahr 2018 im Diotima Verlag erschienen ist, ist eines der wenigen zweisprachigen Bände italienischer Lyrik in Deutschland, das zugleich eine italienische Literaturgeschichte entlang der Lyrik entfaltet. Ein längst überfälliges Buch – geistreich, informativ, erbaulich!

Mehr unter http://www.diotimaverlag.de/buchvorstellung.php?id=23

Folge 15: »Ich möchte die Schuld jemand anderem geben«

Anna Giurickovic Dato erzählt in ihrem Debüt »Das reife Mädchen« (»La figlia femmina«, Fazi Editore 2017) die überraschende und quälende Geschichte eines unschuldigen Mädchens und seiner verzweifelten Mutter. Der Roman erschien in deutscher Übersetzung 2018 im Piper Verlag.

Unausweichlich. So ist dieser Roman. Er ist direkt. Seine Sprache ist schlicht, ihre Wirkung ist eindringlich und enorm. Die Geschichte ist aufwühlend, schrecklich und sehr gut erzählt. Alarmierend und spannend bis zur letzten Seite.

Die 29jährige Anna Giurickovic Dato hat mit »Das reife Mädchen« ihren ersten Roman veröffentlicht. Ungewöhnlich wie außergewöhnlich ist die Wahl ihres Themas für ein Debüt: der Missbrauch eines jungen Mädchens, das sich selbst zur Lolita macht. Mit Wucht schlagen die ersten Seiten auf den Leser ein. Es geht gleich zur Sache: Die kleine Maria wird von ihrem Vater abends im Kinderbett angefasst. Damit ist nichts mehr wie es einmal war.

Die Spannung des Anfangs lässt nicht nach. Mit einer unerträglichen Klarheit führt der Text den Leser an die Grenzen des Erträglichen. Weiterlesen heißt dann hinzuschauen, heißt auszuhalten statt zu verdrängen. Erzählt wird aus der Perspektive von Marias Mutter Silvia:

«Ich warte auf die Rückkehr meines Mannes, tat so, als sei nichts geschehen, ging Maria aus dem Weg, als wäre sie eine Fremde, die einen Anschlag auf mein Leben verübt hatte, und nicht meine kleine, fünfjährige Tochter, die mich dazu bringen wollte, genauer hinzusehen, die Signale des Unwohlseins aussandte, damit ich bemerkte, dass sie litt, dass ihr etwas angetan wurde.«

Maria ist fünf Jahre alt als sich ihr Vater Giorgio zu ihr ins Bett legt, um sie im Intimbereich zu streicheln und sich von ihr berühren zu lassen. Maria kann sich nicht wehren, das Geschehene nicht in Worte fassen. Aber ihr Verhalten verändert sich. Sie wird aggressiv, sie zerkratzt die Wände, fügt sich Verletzungen zu und schlägt auf ihre Mutter ein, die ihre Tochter nicht wiedererkennt, und hilflos über die Dinge hinwegsieht. Die Eltern sind überfordert, doch Giorgio verhindert, um seine Schuld zu verstecken, dass Silvia für sie beide Hilfe sucht. Und die verunsicherte und ängstliche Silvia hält sich an Giorgio, den sie von Anfang an blind liebt – attraktiv, stark und autoritär wie er ist. Sie sind eine glückliche, eine heile Familie, daran gibt es für Silvia keine Zweifel. Im marokkanischen Rabat führen sie seit Jahren ein wohlhabendes und friedliches Leben, das ihnen Giorgio als Diplomat ermöglicht.

Doch das Familienleben wird zu einer Zerreißprobe und Giorgio zieht sich immer mehr zurück. Als er sich nach Jahren schließlich das Leben nimmt, geht Silvia mit Maria zurück nach Rom. In Rom versuchen sie alles zu vergessen. Welch Freude ist es für Silvia als sie ihre inzwischen dreizehnjährige Tochter eines Tages beobachtet wie sie fröhlich zum Markt geht, um Bohnen für das Abendessen einzukaufen. Für einen Moment ist das Leben friedlich, leicht und harmlos. In das Leben von Mutter und Tochter scheint Normalität zurückzukehren. Doch noch am selben Abend, als die eitle und fröhliche Maria den neuen Freund ihrer Mutter, Antonio, kennenlernt, führt sie den wieder gewonnenen Alltag, das scheinbare Glück, an die Grenzen des Zulässigen:

»Maria beugt den Kopf nach hinten, ihre Haare sind so lang, dass sie fast über den Boden schleifen, während ihr starkes Becken mit der schmalen Taille sich perfekt an Antonios kräftigen Körper schmiegt.«

»Ein violettes Dreieck blitzt mal unter Marias Rock vor, mal verschwindet es wieder. Als Antonio ihr noch eine Scheibe Kuchen reicht, fällt sein Blick zwischen ihre Beine.«

Silvias Hoffnungen, die sie in Rom neu geschöpft hat, zerplatzen und mit ihnen der Wunsch, Erlösung von der Vergangenheit zu finden. Während die Mutter durch Antonio ihre Schüchternheit wiederentdeckt, wird bei Maria eine völlig unnatürliche Schamlosigkeit freigelegt. Ihr Kalkül offenbart wie unüberwindbar die seelischen Verletzungen der Kindertage sind. Silvia ist nicht nur entsetzt, sondern absolut verwirrt. Sie weiß nicht, was sie fühlt, was sie sagen soll und bürdet sich damit an diesem endlos scheinenden Abend die Schuld auf, nicht eingegriffen zu haben:

»In dem Verwirrspiel zwischen dem Bewusstsein un dem Unbewussten, dem Gesagten und dem Gefühlten kann ich nicht mehr klar unterscheiden, ob das, was passiert, nur deshalb passiert, weil ich es sehe, oder ob es wirklich passiert, ich mich schlafend stelle und in keiner Weise eingreife.«

Unbegreiflich ist Silvias Verhalten, dass sie in die Situation nicht eingreift, dem Elend ihrer Tochter kein Ende setzt, indem sie sie vor sich selbst schützt. Begreiflich ist, dass Silvia von Scham erfüllt ist, ihrer Scham gegenüber dem, was in der Vergangenheit, in Rabat, passierte und gegenüber dem, was in der Gegenwart, in Rom, gerade passiert. Nachvollziehbar ist, dass sie Antonio nicht verlieren will, dass sie nicht handelt, um das Geschehen nicht wahr sein zu lassen. Menschlich ist ihre Wut über sich selbst, das eigenartige Verhalten ihres Mannes gleich zu Beginn ihrer Liebe und später die Signale ihrer Tochter ignoriert zu haben.

»Mir schien, als hätte ich es immer gewusst, es war ein Entsetzen ohne Überraschungen.«

Die Gegenwart wird von kleinen Sequenzen aus der Kindheit durchwoben, z.B. wie der Vater, Giorgio, Maria das Sprechen beibrachte. Die Erinnerungen an die glücklichen Zeiten der jungen Familie, an die Zeit vor Marias Geburt sind nicht nur die Suche nach Momenten des Glücks, sondern auch nach unerkannten Indizien, die der Katastrophe vorausgingen, die Warnungen hätten sein können. Hätte die Mutter ihre Tochter retten können? Zugleich werden Einblicke in den vom Islam geprägten marokkanischen Alltag gegeben, die subtil Macht- und Gewaltsphären ermitteln und die entsetzliche Spannung ausgleichen, die das Abendessen in Rom, Marias Verführungsoffensive, begleitet.

Anna Giurickovic Dato, © Privat / Piper Verlag

»Intensiv und psychologisch meisterhaft erzählt Anna Giurickovic Dato von Hilflosigkeit und Liebe, Macht und Unschuld und der Ohnmacht in einer Familie«, schreibt der Piper Verlag über das Buch, das im Oktober 2018 in seinem Programm erschienen ist. Und genau so ist es. Die präzisen Beobachtungen der Körper, der Bewegungen und Verhaltensweisen lassen beim Leser Gefühle des Entsetzens und des Widerwillens aufsteigen. Es fällt mir kein zweites Buch ein, das so direkt und pointiert über das Geschehen und die Folgen von sexuellem Missbrauch in einer Familie erzählt. Es mag bereits unzählige Fernsehfilme zum Thema geben, aber noch kein Buch, das so haarsträubend und mutig von einer jungen Lolita erzählt. Ein beachtliches Stück Literatur! Kein Wunder, dass Anna Giurickovic Dato in Italien mit ihrem Buch in den Medien für viel Wirbel und Aufsehen gesorgt und es auf die Liste für den Premio Strega geschafft hat.

Zur Webseite des Buches im Piper Verlag: Das reife Mädchen (2018)

»Palermo, Lavori in Corso«

© Stefan Koppelmann 2017, Altstadt von Palermo

Es scheint fast, als hingen die bunten Handtücher schon genauso lang an dieser Häuserfront wie die gußeisernen Balkongeländer. Wirklich lebendig in dieser Fotografie sind eigentlich nur das Licht und der Schatten. Letztere erzählen von der nassen Straße und den trockenen Handtüchern, von dem Wandel der Zeit dieses Tages, von den Menschen, die der Sonne entgegengeblinzelt haben, bevor sie die Handtücher aufgehangen haben. Der Fotograf dieses Bildes, Stefan Koppelkamm, unterrichtete im Wintersemester 2014/2015 an der Accademia di Belle Arti in Palermo. Dabei wurde sein Aufenthalt selbst zu einem künstlerischen Projekt.

In seinem Bildband »Palermo, Lavori in Corso« liegt die Kunst Stefan Koppelkamms darin, Palermo so still und unberührt zu zeigen wie möglich. Dokumentarisch, unsentimental, undramatisch sind seine Fotografien. Gleich um die Ecke. Hinter den Sehenswürdigkeiten. Dort liegen diese Orte des Alltäglichen, Langweiligen, Hässlichen, Zerfallenen. Koppelkamm zeigt dem Betrachter eine Stadt der Widersprüche. So einfach ist das nämlich nicht mit Palermo.

»Ist es überhaupt möglich, einen Ort wie Palermo zu porträtieren, ohne in die Falle des Pittoresken zu tappen?«

Diese Frage stellt Stefan Koppelkamm gleich zu Beginn seines Bandes. Und seine Antworten überzeugen. Die Fotos zeigen eines Stadt der Widersprüche, nicht nur der räumlichen, auch der zeitlichen. Nicht nur verkehren sich Zentrum und Peripherie innerhalb nur weniger Meter Fußweg, auch verschieben sich die Jahrhunderte wie tektonische Platten einander. Dabei entstehen Reibungen. Reibungen zwischen hässlich und schön, nah und fern, gestern und morgen, Licht und Schatten, Sauberkeit und Dreck, zwischen dem, was man harmonisch und brüchig beschreiben würde.

Stefan Koppelkamm, geboren in Saarbrücken, arbeitet seit den späten siebziger Jahren als Fotograf. Er ist außerdem als Grafik-Designer, Ausstellungsmacher, Autor und Hochschullehrer tätig. Neben zahlreichen nationalen und internationalen Gruppen- und Einzelausstellungen sind seine Werke im Berliner Museum für Fotografie und im Museum der Bildenden Künste in Leipzig zu sehen. Mehr Informationen auf der Homepage von Stefan Koppelkamm.

Sein Bildband »Palermo, Lavori in Corso«  zur gleichnamigen Ausstellung im Herbst 2017 in Palermo (Palazzo Ziino, 20.9.-20.10.2017) erschien 2017 bei Hatje Cantz: http://www.hatjecantz.de/stefan-koppelkamm-palermo-7091-0.html

Folge 14: Sizilien unplugged oder der ‚Schlüssel zu allem‘

Ein sizilianisches Tagebuch

»Wie wäre unser Bild von, unser Blick auf Italien, wenn wir es nicht in Meran oder Como, sondern in Marsala oder Catania betreten würden?« (S. 70), fragt der Journalist Andreas Rossmann in seinem sizilianischen Tagebuch Mit dem Rücken zum Meer (2017). Schon Goethe betrachtete Sizilien in seiner Italienischen Reise 1787 als »Schlüssel zu allem«, zu Italien. Dass wir das Italien noch immer entdecken können, zeigen neben Rossmanns Texten die eindrucksvollen schwarz-weiß-Fotografien von Barbara Klemm.

Mit dem Rücken zum Meer ist ein auffälliger Titel für jeden Italientouristen, der von diesem schmalen Land fasziniert ist, auch weil es vom Meer umgeben den Blick immer ins Blaue freigibt. Mit dem Rücken zum Meer aber beschreibt eine ganz andere Perspektive, die der Autor nicht nur mit einem Zitat des Schriftstellers Leonardo Sciascia eröffnet, sondern für sein ganzes Buch geltend macht. Mit dem Rücken zum Meer beschreibt nicht nur eine Perspektive auf Land und Leute, sondern weist dem Meer eine auf den ersten Blick ungewöhnliche Bedeutung zu. Für den Sizilianer ist das Meer kein Sehnsuchtsort, nicht nur ein Zeichen der Freiheit und des Glücks, sondern ein bedrohlicher Raum, der ebenso Krisen und Gefahren in sich birgt. »Das Meer ist Siziliens immerwährende Unsicherheit, sein launisches Schicksal«, lässt Andreas Rossmann den Schriftsteller Sciascia erinnern. Das Meer bringt den Reichtum und führt zugleich ins Verderben, zuweilen sogar in den Tod. Das in diesem Tagebuch dokumentierte sizilianische Leben ist kein Leben inmitten des paradiesischen Meeres, des dolce vita eines Strandtouristen, sondern zeigt sich erst mit dem Rücken zum Meer, in den inländischen Verhältnissen, die sich mitten im Meer auf Sizilien regelrecht auf einem Punkt zentrieren.

Eine Karte in den Buchdeckeln hilft der Orientierung des Lesers, der neben den großen und bekannten Städten wie Palermo, Syrakus, Agrigent und Messina an viele kleinere und unbekanntere Orte geführt wird wie Porticello, Bagheria, Corleone, Castelbuono, Gibellina, Salemi, Reggio Calabria, Augusta, Sant Flavia, Trapani, Ficuzza oder Vizzini, um nur einige wenige zu nennen. In fünf großen Kapiteln, die chronologisch die Jahre 2013-2017 verfolgen, dokumentiert Andreas Rossmann eine Insel aus der Perspektive der Einheimischen, der Ausgewanderten und Eingewanderten, der Zurückgekehrten ebenso wie der Dagebliebenen.

Zufällige Begegnungen, im Flugzeug oder im Café führen Rossmann zu Alltagsrealitäten, zu politischen Problemen, zu Erinnerungen, zur Kunst und zur Geschichte Siziliens. Leonardo Sascia, 1921 in Racamulto/ Sizilien geboren, ist nur eine dieser ästhetischen Spuren: Café- und Restaurantbesitzer, Barbesitzer, Besitzer von Pensionen und Ferienwohnungen, Fischer, Sprachlehrer, Buchhändler, Touristenführer, Pfarrer, Bürgermeister, Politiker, Zufallsbekanntschaften – Menschen und Orte, die an Künstler, Mafiosi und politische Persönlichkeiten erinnern wie die Schriftsteller Giuseppe di Lampedusa, Gabriele D’Annunzio, Elio Vittorini, den Veristen Giovanni Verga, den Dramatiker Luigi Pirandello oder den Krimiautor Andrea Camilleri, den Maler Renato Guttuso bis hin zu Filmemachern wie Giuseppe Tornatore. Zur Sprache kommen dabei ganz leichtfüßig Aspekte italienischer Geschichte wie die »Operation Husky«, die Landung der Alliierten auf Sizilien 1943, der Faschismus und der kommunistische Untergrund oder die Mafia.

Jedes Großkapitel besteht aus einer Reihe mal längerer, mal kürzerer Abschnitte und wird mit einer Anflugszene eröffnet. Im Landeflug begegnet der Erzähler den ersten Sizilianern, ihrem unperfekten Charme, ihrem unzerbrechlichen Optimismus und ihrer chaotischen Offenheit. Dabei beschäftigen die Italiener ganz banale Dinge, ihre Smartphones, ihre Taschen, die sie abholenden Verwandten, das Wetter. Und dann lässt Rossmann sie sprechen, sie erzählen selbst davon, was sie machen, wie sie ihr Land sehen. Rossmann durchsetzt diese Dialoge mit seinen eigenen Beobachtungen, so dass eine dichte Beschreibung Siziliens entsteht, die Bilder freisetzt, die Hand in Hand gehen mit den Fotografien von Barbara Klemm.

Klemms Fotografien sind keineswegs schlichte Illustrationen des Textes, sondern stellen einen eigenen, visuellen ›Text‹ bereit, der eigenständig gelesen und betrachtet werden kann. Text und Bild spielen sich immer wieder Motive zu, die jedes Medium auf seine spezifische ästhetische Weise erzählt. Dann wieder driften Text und Bild auseinander und verselbständigen sich in ihrem eigenen Erzählen. Beschreibt der Falz eines Buches für einen Text nur einen Seitenwechsel, bedauert der Betrachter der Fotografien diesen zuweilen, doch muss der Wunsch nach großformatigen Drucken der Fotografien Klemms leider eine Sehnsucht bleiben. Doch das schmälert weder die Bilder an sich, noch ihre Erzählung. Mit dem Rücken zum Meer sind auch die meisten Fotografien entstanden, die den Blick ins Innere, in Täler, in Hinterhöfe, in Straßenfluchten, auf Plätze, in Schaufenster, in offene Türen, auf Fassaden oder auf die Höhen des Ätnas richtet – mit dem Rücken zu Meer macht großartige landschaftliche und bauliche Formationen, den Menschen als soziales Wesen, die Einsamkeit der Räume und die Brechungen touristischer Erwartungshaltungen sichtbar.

»Abfall« ist nicht zufällig eines der Stichwörter, das die blauen Phantasien des Italienreisenden überschattet. Es fällt so häufig in diesem Buch wie sich Plastiktüten und der Dreck der Straße täglich ansammeln und die den nur schwach ausgeprägten italienischen Gemeinsinn visualisieren. Der Italiener stört sich nicht am Müll. Er ist da und dann wieder weg. Mit ihm der Gestank und Ärger. So lebt es sich mit dem Wandel der Zeit. Er kontrastiert dabei mit Orangenbäumen, sauberen Bahnhöfen und gepflegten Gärten. Doch immer wieder »Müll, überall Müll« (S. 13). »Berg und Meer, schwarz und weiß, Schönheit und Schrecken, These und Antithese. Palermo ist immer beides: zwiespältig, zweigesichtig, ein Ort harter Gegensätze und großer Extreme.« (S. 73). Der Müll ist auch ein Indikator für Veränderungen: »Kein Müll, nirgends. Entweder wurde er gerade abgefahren, oder die Zeiten haben sich geändert.« (S. 61).

Auf der Frankfurter Buchmesse 2017 war Rose-Marie Gropp mit Andreas Rossmann und Barbara Klemm am Mes-sestand der FAZ im Gespräch.

Der Wandel der Zeit zeigt sich über den einzelnen Tag hinaus an den Bausünden, die durch die Modernisierung von Städten entstanden. Diese Fassaden erzeugen ganz anders als der Müll einen »reiseprospektreife[n] Eindruck« (S. 35), der mit  der »angefressenen, bröckelnden Pracht« (S. 33) der historischen Städte kontrastiert wird. Die Kontraste entstehen durch das Aufeinanderprallen von Stillstand und Bewegung der Zeit in der Geschichte Siziliens. Zuweilen erscheint es als habe sich über Jahrzehnte, gar Jahrhunderte nichts verändert und dann wieder ist alles ganz anders. So erinnern die niedergegangenen Schwefelminen in Comitini oder die brachliegenden Raffinerien bei Termini Imerese an eine andauernde Wirtschaftskrise, die alles verändert hat: die Jugend Siziliens wandert aus, ganze Ortschaften sind leer, marode und unbelebt, Fischer müssen sich mit staatlichen Fangquoten quälen, ein Leiden an Verwaltung und Staat. Das Agrarland kommt gegen den Kapitalismus nur einmal an: in der Küche. Stolz berichtet ein Restaurantbesitzer, dass McDonald die Restaurants nicht hat vertreiben können, auch Touristen bevorzugen die gute sizilianische Küche. Stark ist Sizilien v.a. durch seine Traditionen und alten Schätze: seine Küche und seine archäologischen Funde, die zahlreiche kleine und große Museen füllen. Und doch trägt sich die Kultur nur schwer: »Noch nie, so das Resümee, sei so vielen Menschen nichts anderes übrig geblieben, als den Schmuck ihrer Eltern oder Großeltern zu versetzen.« (S. 57)

Geht es für den Sizilianer um das nackte Überleben, versucht die italienische Mafia Profite herauszuschlagen und Macht zu gewinnen. Davon nicht neuartig beeindruckt, oftmals betroffen und immer schockiert über die Gewalt der Mafia und ihre Opfer, erzählt sich die Geschichte der Mafia auf Sizilien aus dem Alltag heraus wie von selbst – vom Mafiakrieg der Cosa Nostra und des Corleone-Clans, den Mafiaprozessen und der Ermordung des Untersuchungsrichters Giovanni Falcone: eine »bleierne Zeit« (S. 90). Sizilien lebt inmitten dieser Strukturen und gefährdet dabei am allerwenigsten die Touristen, die nicht selten um den Preis des Schlüssels zu allem, das Hotel kaum wagen zu verlassen, denn so hat es doch jeder schon einmal gehört, in Palermo ist die Mafia am schlimmsten. Für Entspannung sorgt die Antimafia-Initiative Addiopizzo. Davon hat man auch schon in Deutschland gehört. Viel mehr kann man sich aber nicht vorstellen.

»Das haben wir oft, wenn wir aus Europa kommen. Die haben hier ein ganz anderes Zeitgefühl.« (S. 72), sagt die Stewardess als die Passagiere noch mit dem Aussteigen warten müssen. Sizilien, das ist eine andere Welt, eine Insel außerhalb der Zeit, fern von der europäischen Gegenwart. »Auf ein paar Jahrhunderte mehr oder weniger kommt es in Sizilien nicht an.« (S. 104). So schieben sich in Sizilien die Antike oder das Barock in die Gegenwart, während die Armut in der sizilianischen Gegenwart mit dem Rücken zur Zukunft steht, in der sie nur schwer einen Platz findet. Vom Fuße Europas aus ist der Kopf nicht mehr zu sehen: »Italien war einmal begeistert von der europäischen Idee – davon ist nicht viel übrig geblieben.« (S. 116)

Kein Reiseführer, kein Cinecittà für Italienträume, keine Lektüre für Angsthasen auf Italienreise, keine Lektüre für Leute, die Urlaub machen, aber dabei nicht auf Reisen gehen wollen. Das sizilianische Tagebuch von Andreas Rossmann und Barbara Klemm bringt Überraschendes zutage, schlagen Sie es auf, nehmen Sie den Schlüssel in die Hand und fliegen Sie hin!

Andreas Rossmann lebt in Köln und ist Kulturkorrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung für Nordrhein-Westfalen. Die Presse-/Fotografin Barbara Klemm war bis zu ihrer Pensionierung 2005 Redaktionsfotografin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Andreas Rossmann: Mit dem Rücken zum Meer, Ein sizilianisches Tagebuch, mit Fotografien von Barbara Klemm, Köln: Verlag der Buchhandlung Walther König 2017

www.buchhandlung-walther-koenig.de

Rose Ausländer: Im Süden

Im Süden

Mit den Zugvögeln
nach Süden ziehen
wo die Sonne
uns liebt
wo Palmen
ihre Fächer öffnen
wo die Flüsse
Silber sind
wo wir aufgenommen werden

freundschaftlich

Rose Ausländer, Die Sonne fällt, Gedichte 1981-1982, im S. Fischer Verlag erschienen, der zu diesem Band vermerkt:

Die Gedichte dieses Bandes entstanden 1981 und 1982 und wurden von Rose Ausländer zunächst in dem bibliophilen, für Kenner und Freunde gedachten Buch ›Einen Drachen reiten‹ und in der Sammlung ›Mein Venedig versinkt nicht‹ zusammengefaßt. Vor allem dieser zweite Titel war für sie mehr als eine Verszeile – er war ihr poetisches Programm: Trotz allen existentiellen Gefahren, die sie bis zur Neige durchlebt und durchlitten hatte, beharrte sie in ihren Gedichten auf der Einsicht, daß die wahren Schönheiten der Welt unverletzlich sind und also nicht versinken können. Den Erinnerungen an die Jahre der Angst und des Hungers hält sie die Zeilen entgegen: »Ich träume mich satt/an Geschichten/und Geheimnissen.«

1961 vs. 2010

Napoli früher und heute – zwei deutsche Perspektiven

Friederike Römhild, motorini di Napoli visto durante una passeggiata, 2010

Herbert List (1903-1975) war ein deutscher Fotograf, der durch seine zahlreichen Schwarz-Weiß-Fotografien und ihres oftmals surrealen Eindrucks bekannt wurde. Der studierte Literaturhistoriker und Kaffeekaufmann in der Firma seines Vaters begann unter Einfluss von Künstlern wie Giorgio de Chirico und Man Ray ab 1930 selbst ernsthaft zu fotografieren. Nach seiner Emigration Mitte der 1930er Jahre nach Paris begann List mit Studiofotografien und Auftragsarbeiten für größere Zeitschriften. In Paris hatte er seine erste Ausstellung. Mit einem der bedeutendsten Modefotografen der 1920er und 1930er Jahre, George Hoyningen-Huene, unternahm List Reisen nach Griechenland und Italien. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde List Kunstredakteur bei der Zeitschrift Heute, die von den Besatzungsmächten herausgegeben wurde. Er begann erneut zu reisen, neben Griechenland, Frankreich, Mexiko und der Karibik auch wieder Italien, wo das erste hier gezeigte Foto mit dem Castel d’ovo im Hintergrund entstand. Die zweite Fotografie stammt von eurer Italienreport-Redakteurin Rike Römhild, bereits 2010 während eines langen Italienaufenthalts geschossen, erinnerte ich mich erneut daran als ich kürzlich Herbert List wiederentdeckte. Das Paar, das damals eng umschlungen auf der Promenade flanierte, düst heute nicht unbedingt weniger umschlungen, aber minder romantisch über die Straßen am Golf von Neapel.

Abbildung rechts: Friederike Römhild; Abbilung links: https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AHerbert_List_-_Napoli%2C_coppia_passeggiata.jpg;

Folge 13: »Unendliche Stille« oder das Schmelzen der Wahrheit im Schnee

Davide Longo, Übersetzungen und Taschenbuchausgaben

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Davide Longos Der Steingänger und warum dieser Roman keine Kriminalgeschichte ist, aber ein großes Stück Literatur

Im Zentrum des Romans Der Steingänger (2004) von Davide Longo, der kein Kriminalroman ist, aber doch um ein Verbrechen kreist, steht der Steingänger Cesare. Er findet den einunddreißigjährigen Fausto Berardi tot auf, mit dem er über mehrere Jahre Flüchtlinge vom piemontesischen Varaita-Tal an der italienisch-französischen Grenze über die Verge nach Frankreich geschleust hat. Cesare, von vielen »der Franzose« genannt, weil er mit seiner Familie 1949 nach Marseille gezogen war, kehrte erst als Erwachsener wieder an seinen Geburtsort zurück. Damals in Frankreich war er elf Jahre alt als es in der Schule nicht lief und er wie sein Vater am Hafen zu arbeiten begann. Wegen der Körperverletzung eines Polizisten bei einer Auseinandersetzung auf einem Frachtschiff kam Cesare fünf Jahre in Haft.

Nach seiner Entlassung kehrte er in den Piemont zurück. Verliebt in die junge Adele, die zu heiraten er sich nicht leisten konnte, ließ er sich überreden als Schleuser für afrikanische Flüchtlinge zu arbeiten. Als Cesare Faustos Leiche im Flussbett des Cumbo entdeckt, ist Cesare längst ein einsamer Mann. Seit Adeles Tod vor dreizehn Jahren lebt er zurückgezogen und allein in den Bergen. Der Fund der Leiche sorgt umso mehr für Gesprächsstoff, denn Fausto ist nicht ertrunken, sondern zwei Schüsse nahmen ihm sein Leben. Im Dorf aber reden die Leute mehr übereinander als miteinander und sofort gerät Cesare unter Verdacht. Das ist die Kriminalgeschichte des Romans.

So nebenbei wie Cesares Familiengeschichte in den Roman einfließt, so randständig geht es auch nur um die lückenlose Aufklärung des Mordfalls. In der Kneipe berichten im Hintergrund die Regionalnachrichten im Fernseher von dem Mord. Die Kommissarin Sonia di Meo, die die Ermittlungen im Mordfall leitet, ist immer wieder im Gespräch mit Cesare, doch dabei entsteht zwischen den beiden eine Nähe und Intimität, die weniger der Aufklärung des Verbrechens als der Erhellung der Figur Cesares dient, der sich sein eigenes Bild von der Lage des Falls macht. In Faustos Hütte findet Cesare einen Beutel mit Geld, Untersuchungsergebnissen und Schlüsseln, es gibt ein Konto bei einer Bank in Frankreich, Kontakte in Turin, Hinweise und Spuren, die kaum Antworten bringen. »Durch das Fenster nach Norden drang das Licht bereits leblos herein, das Fenster nach Süden sah aus wie ein weißes, rahmenloses Bild.« Es ist der Schnee, der alles verschluckt.

Weder die genauen Abläufe, noch ihre Rekonstruktion wie sie typisch für einen Kriminalroman sind, werden hier erzählt, stattdessen erfahren wir von der Wahrnehmungsmatrix der Figuren, z.B. Faustos Vater: »Parin Griros betrachtete die dicken Schneeflocken durchs Fenster, sie waren so weit weg.« Oder: »Die Kommissarin betrachtete den Schnee, der durch das Mondlicht eintönig aussah.« Und ohne metaphorisch oder dramatisch werden zu müssen, liegt in diesem schlichten Realismus bereits das ganze Drama der Verlassenheit verborgen. Subtil und klar zugleich.

In den Vordergrund dieses Romans drängt also vielmehr von der ersten Seite an eine dumpfe, bedrückende, stille Atmosphäre, die einen Stimmungsraum erzeugt, in dem die Menschen mit ihrer eigenen Identität auf unterschiedliche Art zu ringen beginnen, im Zentrum Cesare. Diesen atmosphärisch dichten Ton, den der Roman nicht mehr verlieren wird, befördern die Beschreibungen der Landschaft und das Motiv des Schnees. Die Protagonisten fühlen sich dabei ihrer Umgebung völlig entfremdet: »Hinter sich spürte er die Natur, schweigend und still war sie, aber verbunden fühlte er sich ihr nicht. Auch das Haus, das immer sein Zuhause gewesen war, erschien ihm jetzt fremd.«

Beeindruckend ist diese Intensität und Stringenz mit der Longo eine Stille und Verlassenheit erzeugt, die die Figuren umgibt, aber kaum aufrührt. Ob im Bus, auf der Straße, in der Kneipe oder in den Bergen, so farb- und strukturlos wie der Schnee ist auch die Kommunikation der Dorfbewohner und Protagonisten. Eine Sphäre des Schweigens und der Stille, die erzählt, ohne laut zu werden: »Zurück blieb eine Stille aus vielen kleinen Geräuschen, keines übertönte das andere«, heißt es einmal. So etwa ist das Brummen des Kühlschranks in der örtlichen Kneipe zu hören und nichts weiter – nicht die Stimmen, nicht die Gläser, nicht der Abend, nicht die Straße. Einzig das Brummen des Kühlschranks. Neben der Natur gibt es nur wenige Handlungsorte: da ist Cesares Wohnung, sowie die Hütte Faustos, die Kneipe, die Bäckerei und das Kommissariat.

Auf diese Weise reduziert sich alles im Roman: die Landschaft, die Menschen, ihre Gespräche sowie die Sprache des Autors, die Atmosphäre ebenso wie die Spannung, die Schauplätze ebenso wie die Tageszeiten. In der Reduktion finden Raum und Zeit, Protagonist und Handlung ihre Kraft und Intensität. Diese Reduktion und Stille verschärfen eine Untergangsstimmung, die sich in der Anonymität verliert: »Von draußen kam nicht das leiseste Geräusch, als wäre die Welt längst untergangen.« So erlebt es der junge Sergio: »Den Menschen passieren so viele Dinge, aber keiner weiß etwas vom anderen.«

Longos Sprache und Bildhaftigkeit stehen teilweise in der Tradition einer italienischen Heimatliteratur und ihres prominentesten Vertreters im 20. Jahrhundert: Cesare Pavese. Bereits Pavese nutzte das Gehen durch die Landschaft, die Qualität der Natur, den Wechsel der Jahreszeiten und den Mond – etwa in Junger Mond (1950) –, auf den auch Longo immer wieder verweist, um eine spezifische Atmosphäre der Einsamkeit und Archaik zu erzeugen. Davide Longo, der mit dem Erscheinen seiner Romane in Deutschland als eine neue Stimme der italienischen Literatur gefeiert wurde, wurde 1971 in Carmagnola bei Turin geboren und steht damit dem Piemontesen Pavese auch geographisch ein wenig nahe.

Statt der Aufarbeitung der einen Tat, ereignen sich neue, völlig sinnlose Gewalttaten. Etwa als Cesare sich in Faustos Hütte – dem Tatort – umsieht, trifft er auf Sergio, dem einzigen Zeugen von Faustos Tod. Bevor er ihn erkennt, verletzt er ihn schwer mit einem Messer. Das Gefühl der Grausamkeit entwickelt der Leser selbst, gerade indem der Text ganz bei der bloßen Schilderung dieser Realitäten bleibt. So wird auch die Beerdigung Faustos völlig unsentimental erzählt: »Auf dem Friedhof hielt der Pfarrer eine kurze Predigt, dann wurde der Sarg in die Familiengruft gelegt und der Leichenbestatter schob eine Metallplatte vor die Öffnung, denn es sah nach Schnee aus und vor dem nächsten Tag hätten sie sie nicht verschließen können.«

Als Cesare und Sergio schließlich den letzten Transport von Flüchtlingen erledigen, den eigentlich Fausto hätte machen sollen, kommt es im Gebirge zu einer Schießerei. Der Angreifer wird schließlich erschossen. Dass es sich dabei um denjenigen handelt, mit dem Cesare noch am Grab Faustos gestanden und zu dem er eine langjährige Freundschaft hatte, erwartet der Leser allerdings nicht. Auch wenn ihm vielleicht einfällt, das Cesare gerade ihm von der letzten Überführung der Flüchtlinge nach Frankreich erzählt hatte. Und so bleibt es spannend.

Von der ersten Sekunde an liegt eine Spannung in der Luft dieses Textes, die bis zum Schluss und noch über ihn hinaus anhält. Der ausführlich erzählte Gang durchs Gebirge mit den Flüchtlingen zeichnet immer stärker die Angst ab, die auch Cesare umgibt, der bis dahin trotz aller schrecklichen Ereignisse von einer auffälligen Souveränität umgeben ist. Mit der Fluchtbewegung kommt auch Cesares Psychogramm in Bewegung. Der Ruf einer Eule ist es, der Cesare nach dem Schusswechsel im Gebirge klar macht, »wie einsam er war. Nicht wie sonst, wenn er sich in sein Zimmer einsperrte oder bei dem alten Fort saß. Vielmehr eine Einsamkeit, die man weder mit jemandem teilen noch jemandem mitteilen konnte, denn sie mußte unberührt bleiben, und der Preis dafür war das Schweigen.« Und auch der Roman selbst berührt diese Einsamkeit nicht, sondern schafft es mit dem völlig reduzierten Erzählvorgang und der Reflexion der Wahrnehmungsprozessen, diese Einsamkeit zur Darstellung zu bringen, ohne sie zugleich antasten zu müssen. Dieser Roman redet, in dem er das Schweigen achtet, er erzählt, ohne zu verraten, er erinnert, ohne zu erfinden.

Das Schweigen der Dorfbewohner und der vom Schnee immer wieder bedeckte Ort selbst, erweisen sich als Motiv: „Es ist dumm, wenn man etwas unbedingt wissen will, Cesare. Zumal es die Zweifel sind, die uns am Leben erhalten.“ Die Suche nach Erkenntnis, das Ausräumen der Zweifel, das Aussprechen der Fragen wird Cesare mit dem Mord an seiner Hündin bitter bestraft. »Cesare kniff die Augen zusammen, die Sonne blendete allzu stark wegen des Schnees.« Der Schnee ist das Motiv, um Macht und Wissen zu verhandeln. Es schmerzt in den Augen, wenn man auf ihn sieht, ihn schmelzen will. Das Schweigen der Menschen dieses Ortes wird so mehr und mehr zu einem Mechanismus der Unterdrückung. Wer spricht, hat Schlimmes zu befürchten. »Man könnte meinen, in diesem Tal sei Reden eine Schande«, stellt die Kommissarin Sonia fest.

Und doch sind der Schnee und das Schweigen das einzige Lebenszeichen: »Die riesigen weißen Haufen, die der Schneepflug zu beiden Seiten des Denkmals aufgetürmt hatte, waren das einzige Lebendige im Dorf.« Immer deutlicher zeichnet sich ab, dass das Leben der Menschen dieses Ortes schon längst untergegangen ist, womöglich schon vor Faustos Tod. Denn nichts ist da, was sich trägt, außer die Existenz des Schnees – kein Wärme zwischen den Menschen, keine Aufgeschlossenheit und Nächstenliebe und vor allem kein Vertrauen, weder in die Menschen, noch in das Leben der Gemeinschaft. Ganz am Ende des Romans, als der Auftrag vollbracht ist und es erneut einen Toten im Gebirge gibt, beginnt der Schnee zu schmelzen und der Text zieht sich noch einmal kurz in die Erinnerung zurück bevor es schließlich auch für Cesare zu spät ist.

Obwohl Davide Longos Roman bereits 2004 in Italien erschien und in deutscher Sprache erstmals 2008 im btb Verlag veröffentlicht wurde, ist Longo bei den deutschen Lesern eigentlich erst seit den Neuauflagen des Romans im Wagenbach Verlag 2015 und im Rowohlt Verlag 2016 wirklich angekommen. Vielmehr als ein Krimiautor ist Davide Longo also, auch wenn er nach seiner Entdeckung in Deutschland v.a. als ein solcher gelesen wird. Das mag vielleicht auch an dem Titel seines zweiten ins Deutsche übersetzten Romans liegen: »Der Fall Bramard« erschien 2015 im Rowohlt Verlag. Der Fall Longo ist damit noch lange nicht abgeschlossen.

Foto: © Paolo Giagheddu, Rowohlt Verlag

Siehe Davide Longo im Rowohlt Verlag

Siehe Davide Longo im Wagenbach Verlag