Isabelle Kaiser: Mein Venedig

Liebe Italienreport-Leser!

Normalerweise findet ihr sonntags im giornale poetico eine Fotografie auf Italienreport. Heute aber möchte ich noch einmal ein paar Zeilen sprechen lassen. Wir alle haben ein Bild von Venedig im Kopf, sei es eine Gondel, seien es 1001 Tauben auf der Piazza San Marco und und und. Anstelle eines Bildes präsentiere ich Euch heute ein weiteres Gedicht, das sicher auch ein Bild zeichnet, das ihr aber ganz verschieden mit Eurer eigenen Fantasie ausmalen und weitermalen könnt. Daher wünsche ich Euch heute einen schönen Sonntag mit Isabelle Kaiser und „Mein Venedig“.

Mein Venedig

Sie sah ich die Stadt im Meere
Strahlen in der Sonne Pracht,
Sah nie gleiten sehnsuchtsschwere
Gondeln durch die blaue Nacht.
Doch für mich sind deine dunkeln
Augen, drin die Liebe wacht,
Wenn sie leuchten, wenn sie funkeln
Mein Venedig.

Sonnig still wie die Lagunen
Träumen sie den Märchentraum,
Und es flimmern goldne Runen
Auf dem Silberwellenschaum.
Leichte Gondeln feiernd schwanken
Durch den heilig stillen Raum
Oder sind es Lichtgedanken —
Mein Venedig!

Dogen einst in Sonnengluten
Freiten stolz das ew’ge Meer,
Und sie opferten den Fluten
Goldne Ringe, perlenschwer.
Ich auch fühle, wonnetrunken,
All mein Lieben heiß und hehr
Tief in deinem Blick versunken —
Mein Venedig!

Isabelle Kaiser,
Mein Venedig. In: Dies.: Mein Herz, Stuttgart 1908.

Quelle: http://gedichte.xbib.de/Kaiser,+Isabelle_gedicht_028.+Mein+Venedig.htm

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