Folge 11: Blau wie das Meer oder „Die Geometrie der Liebe“

Luigi Trucillo: Die Geometrie der Liebe, Hamburg: mareverlag 2015

Ein Archivar eines Zeitungsarchivs aus Neapel und eine Doktorandin der Sinologie, die sich gerade von ihrem Freund getrennt hat, verlieben sich auf einer Fähre nach Piräus (Griechenland). Hin und her geht es nicht nur zwischen Neapel und den griechischen Inseln Piräus und Samos, sondern vor allem in der schnell entfachten Liebe dieses Paares, der es bis zum Schluss nicht gelingt, bedingungslos und formgleich zu werden. Die Geometrie dieser Beziehung ist keineswegs einfach und schon gar nicht symmetrisch. Während die junge Frau über ein Jahr darauf wartet, mit dem getrennten Familienvater zusammenzuziehen, um ihre Liebe tief und ganzheitlich zu leben, bleibt der Archivar zurückgezogen und misstrauisch. Die rasende, obsessive Eifersucht des Archivars sowie seine Entscheidungsschwäche für ein Leben mit der jungen Frau, aus schlechtem Gewissen seiner Tochter gegenüber, blockieren die leidenschaftliche Liebesbeziehung, die so leicht und innig in einer gemeinsamen Nacht begonnen hatte.

In jeder Paarbeziehung gibt es freie Rollen, die zu besetzen sind.

Als seine Freundin ihm gesteht, auf ihrer mehrmonatigen Chinareise, auf die er sie ebenfalls wegen seiner Tochter nicht begleiten konnte, fremd gegangen zu sein, beginnt dem Archivar die Wirklichkeit zu entgleisen. Auslöser für die bald wahnhafte Eifersucht des namenlos bleibenden Archivars ist schließlich eine Fotografie aus seinem Archiv, die einen Raubüberfall dokumentiert und auf der eine Frau zu sehen ist, die der jungen Sinologin stark ähnelt. Ist sie es? Ist sie es nicht? Was ist an diesem Tag geschehen? Was ist Wahrheit, was ist Lüge? Was Realität, was Irrealität? Der Archivar beginnt der jungen Frau hinterher zu spionieren und in ihren privaten Sachen zu wühlen. Während er ihr ein Parallelleben unterstellt, merkt er nicht, dass er selbst längst ein solches zu führen angefangen hat. In diesem anderen Leben beginnt sich der Erzähler mehr und mehr nicht nur von seiner Normalität, sondern auch von sich selbst zu entfernen. Und so ist diese Geometrie der Liebe vielmehr ein Chaos der Gefühle, die immer wieder umschlagen zwischen Liebe, Anziehung und Nähe einerseits und Ablehnung, Angst und Distanzierung andererseits. Zweisamkeit bleibt letztlich Einsamkeit und die Leichtigkeit der Liebe wird von der Schwere der Eifersucht zerdrückt.

Aber die Dinge sind nur real, 

 wenn wir uns auch entschließen, sie anzusehen.

Welchen Weg also kann diese Liebe nehmen, wenn sie nicht jener Linie treu bleibt als die sie zu Beginn des Romans bestimmt wird: „Die Linie, die du so markierst, ist der Weg, den du für eure Liebe vorzeichnest, die Schwelle, die deine Leidenschaft entschlossen überschreiten will. Nun kann eure Beziehung beginnen.“ (S. 14) Der Weg, den diese Liebe nimmt, entspricht dem tatsächlichen Weg der Protagonisten: es ist der Weg über das Meer. Die Liebe „ist blau wie das Meer“ (S. 47). Das Meer mit seiner glatten Oberfläche ebenso wie mit seinen Untiefen, in denen die Angst des unentschlossenen Archivars strömt: „(…) bist wie ein Schiff, das fürchtet, von der Flasche zerbrochen zu werden, die es vom Stapel laufen lässt.“ (S. 23) Und so wird die Zusammenarbeit der Sinologin mit einem Journalisten des Fernsehsenders RAI für eine Sendung über die chinesische Mafia für den eifersüchtigen Archivar ein „Unterwasserkonflikt“ (S. 39), in dem Angst die bestimmende Strömung bleibt. Das Meer ist der Ort, an dem die Liebe einst entstand, sich zu tragen begann und an dem sie wieder auseinanderströmt. Das Meer ist der Ort, an dem Atmosphäre sich zu Stimmungen verdichtet: „Über der Terrasse ist ein prall mit Wasser gefüllter Mond aufgegangen. Vom Meer kommen Windböen, die sich in den Servietten verfangen und sie gegen die Brüstung wehen.“ (S. 17) Schließlich geht der Archivar über das Meer, fährt auf die Insel Samos, wo er sich auf die Ärztin Yoanna einlässt, um sich an seiner Freundin zu „rächen“. Mit Yoanna, der Frau mit den „schiffbrüchigen Augen“ (S. 73), schwimmt er im kobaltblauen Meer. Mit ihr verlangsamt sich die Zeit, entspannt sich sein Gefühl, wird das „Wasser zur Erlösung“ (S. 90) im Fluss des Lebens. Doch Wellen durchfluten letztlich das Meer wieder und reißen es auf, so wie auch das Sprachmeer Trucillos.

In Trucillos Roman ist fast alles reduziert: die Zahl der Figuren, die Handlungsstränge, die Zahl der Ereignisse, die Orte und Zeiten – nur eines nicht: die Sprache, die wenn sie an sich auch schlicht bleibt, in ihrer poetischen Entfaltung eine visuelle Kraft erlangt, die beeindruckt. Nur stellenweise, wenn der Liebesakt erzählt wird, kippt die Poesie der Wassermetaphorik in die Obsession einer unbedingt konstruierten Sprache: „Als du in sie eindringst, möchtest du mit deinem Glied am liebsten bis hinauf in das Zentrum ihres Blickes, der dich durchtränkt wie eine flüssige Flamme.“ (S. 13) Doch diese nur wenigen Momente überschatten kaum die Individualität und Poetizität dieses Romans. Die Geometrie der Liebe ist ein Roman, den man in einem Rutsch lesen kann oder vielleicht sollte, damit dieser besondere Ton, wenn man ihn endlich zu hören beginnt, nicht wieder abreist und man den vollen Klang von Trucillos eindrucksvoller Poesie erfassen und spüren kann.

In den insgesamt vier Kapiteln, auf die ein Epilog folgt, wählt der Ich-Erzähler die Perspektive des Du, die zunächst etwas befremdlich, zumindest ungewöhnlich und anfangs anstrengend wirkt. Es braucht daher etwas Geduld, um in den Flow dieses Textes zu kommen. Dass der eigentliche Ich-Erzähler die du-Perspektive wählt kann jedoch auch als erstes Anzeichen dafür interpretiert werden, dass er auf Distanz zu sich geht bzw. sich seiner selbst entfremdet fühlt. Entsprechend existentiell sind die Fragen, die Trucillo seinen Erzähler stellen lässt. Doch er hebt keineswegs philosophisch ab, sondern verbindet diese am Wesen des Lebens und der Liebe rüttelnden Fragen mit der episodischen Erzählung ganz alltäglicher Situationen, z.B. dem Einkauf in einem Kaufhaus oder dem Besuch eines Cafés. Ganz subtil gelingt es Trucillo so auch, die Reflexion von Liebe mit einer Kritik am Kapitalismus zu verbinden. Denn suggeriert letzterer, es sei immer möglich alles zu bekommen, was man begehrt, lehrt gerade die Erfahrung der Liebe, das dies nicht so ist.

Nun bist du, wo du bist, und zugleich nirgendwo.

Die Versuche einander zu verstehen und sich selbst zu verstehen, sind verzweifelt und vergeblich. Zu einer Aussprache kommt es nicht und die Liebe bleibt ein leidvoller Kampf um Kontrolle und Gewissheit. In diesem angstvollen Kampf ist echte Hingabe unmöglich. Und so ist die Liebe dieses Paares ein Aufbruch ohne Ankunft, eine Flut, die in der Ebbe versandet, eine Reise ohne gemeinsames Ziel. Ihre Liebe ist ein Torso: „Plötzlich wird dir dramatisch klar, dass du jetzt, da ihr an diesem Punkt angelangt seid, nur noch kämpfen kannst, versuchen, sie zu orten und aus diesem Meer von Distanz zurückzuholen. Doch du hast nicht viel Zeit: Mit jedem Moment, der vergeht, verfangen sich eure Augen einmal mehr woanders, bricht eure Umarmung ein Stück weiter auf.“ (S. 51) Liebe erweist sich als eine Verlusterfahrung, als das Gefühl, den anderen zu verlieren, nicht Teil von ihm werden zu können. Nach einem Streit flüchtet der Archivar in das ihm unerträglich erscheinende Venedig: „Schmerzhaft wird dir bewusst, dass auch ein Bruch eine Verbindung sein kann.“ (S. 58) Doch es bleibt das „schreckliche Gefühl, kurz davor zu sein, etwas zu erfassen, das dir jedoch immer wieder entgleitet. (…) Wie ein Stadtteil der, Zentrum sein will, es jedoch niemals sein wird. Sprich: wie eine Peripherie.“ (S. 123-124)

Dabei ist die Geometrie der Liebe auch eine Geometrie der Zeit. Hatte sich Zeit mit Yoanna entspannt und verlangsamt, beschleunigt sie sich mit der jungen Sinologin bis zu einem Moment höchster Spannung. „Du hast auf die Gegenwart gewartet. Die Ehrlichkeit einer Gegenwart, die frei ist von Eifersucht auf die Vergangenheit (…). Eine Gegenwart. Hier. Jetzt. Wie das tuckernde Fischerboot, das vor deinen Augen das azurblaue Wasser des Hafens von Samos durchpflügt.“ (S. 100) Der Augenblick absoluter Gegenwärtigkeit der Liebe wird auf Samos jedoch durch einen tagelangen Brand zunichte. Der Archivar trennt sich von Yoanna und nähert sich erneut der Sinologin an. Doch mit ihr nimmt die Zeit eine andere Richtung: „Die Zeit verändert sich, die Zeit wird zu einem fremden Land.“ (S. 126) Als der Archivar private und intime Briefe auf dem Computer seiner Freundin findet, reißt seine Obsession alle Dämme ein und wird rasend. Trucillo gelingt es noch auf der letzten Seite die Spannung auf ihren Höhepunkt zu halten und den Schiffbruch dieser Liebesbeziehung mit einer der Novelle ähnlichen unerhörten Begebenheit aufzulösen… Was bleibt, ist eine Liebe, die sich anfühlt „wie eine einzige offene Wunde“ (S. 60).

Luigi Trucillo wurde 1955 in Neapel geboren. Er ist später Romancier, denn Die Geometrie der Liebe, 2015 im mareverlag erschienen, ist sein erster Roman. Doch den italienischen Lesern (leider nicht den deutschen) ist er bereits als Lyriker bekannt und das verwundert kaum bei der Lektüre seines Romans, der von der Dichte und Intensität der lyrischen Sprache genährt ist. Trucilllos Roman erschien in Italien 2013 im Mondadori Verlag unter dem Titel Quello che ti dice il fuocoDas, was dir das Feuer sagt, ein Titel, der den Brand dieser obsessiven Liebe vielleicht etwas treffender einleitet als sein deutsches Pendant. Doch das ist kaum von Gewicht, bleibt Die Geometrie der Liebe ein dringend zu empfehlender Roman für all jene, die im Meer der Neuerscheinungen nach einer kunst- und niveauvollen, einer reflektierten und eindringlichen Stimme suchen. 

Luigi Trucillo: Die Geometrie der Liebe, aus dem Italienischen von Valerie Schneider, Hamburg: mare Verlag 2015. 18,00€. Mehr unter: http://www.mare.de/index.php?article_id=4179

 

 

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