Folge 9: Palermo Soundtrack – »Die Gesichter der Toten« von Petra Reski

Ein Buch und einen Meinung

Unermüdlich arbeitet die Staatsanwältin Serena Vitale in ihrem zweiten Fall gegen die Macht der Mafia in Italien und Deutschland. Petra Reskis Die Gesichter der Toten aus dem Hoffmann und Campe Verlag.

»Palermo Soundtrack« – das ist, so beschreibt es Reski in ihrem neuen Mafia-Krimi, die Mischung aus der Blasmusik einer langsam voranschreitenden Prozession und dem Sirenengeheul sich jagender Autos in den Straßen von Palermo (S. 101). Zum »Palermo Soundtrack« gehören für die Staatsanwältin Serena Vitale aber auch die nicht endende Reihe von Abhörprotokollen und Verhören auf der Jagd des Mafia-Bosses Alessio Lombardo. Literarisch betrachtet ist auf den ersten Blick die Bewältigung jener Abhörprotokolle so langweilig wie das Gespräch Serenas mit ihrem Kollegen Paolo De Lucas über die Kaschmirpullover des inhaftierten Mafia-Mitglieds Domenico Cataldo, des Handlangers Lombardos. Auf den zweiten Blick aber sind gerade die Abhörprotokolle das höchst realistische Sinnbild für die Ödnis des Kampfes gegen eine Mafia, die nicht in schwarzen Lederjacken Schutzgelder erpresst, sondern in feiner Wolle große Geschäfte macht. Darüber hinaus symbolisieren Protokolle, Transkriptionen, Dokumente, Arbeitsbesprechungen, Telefongespräche, Verhöre das Spiel von An- und Abwesenheit, das die Mafia mit ihren Gegnern spielt. Es ist die Anwesenheit in der Abwesenheit, die charakteristisch für die Jagd Lombardos ist, denn dieser ist während des gesamten Romans physisch gänzlich abwesend. Allein die Abhörprotokolle und die Verhöre seines Komplizen Cataldos, der sich mit seinem Abschiedsbrief am Ende schließlich auch in die abwesende Anwesenheit bzw. anwesende Abwesenheit verabschiedet, verschaffen ihm eine indirekte Präsenz. Die Suche nach Lombardo, so ahnt der Leser schnell, bleibt bis zum Schluss erfolglos.

Betrachtet man die zahlreichen Gespräche, das ständige Reisen und die Abhörprotokolle von denen dieser Krimi erzählt in ihrem Kontext, wird schnell klar, dass Reski mit ihnen eine Realität beschreibt, die literarisch deshalb nicht langweilig ist, weil sie Teil einer journalistischen Ethik sind: Aufklärung, der vehemente Drang, das tot geschwiegene zur Aussprache zu bringen, an den Dingen zu rühren, die aus Bequemlichkeit und Feigheit, Egoismus und Gier allzu oft lieber nicht angetastet werden. Dass Reski dabei Fakten in ein fiktives Gewand kleidet, liegt an den Vorfällen der vergangenen Jahre. Bei einer Lesung aus ihrem Sachbuch Von Carmen nach Korleone in Erfurt erhielt sie 2010 öffentliche Drohungen. 2008 musste sie infolge eines Gerichtsprozesses Passagen aus ihrem Buch Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern schwärzen. Es ist folglich nicht ungefährlich, über die Mafia zu schreiben, v. a. wenn so genau und umfangreich recherchiert worden ist wie im Falle von Petra Reski. Dass ihre jahrzehntelange Arbeit gegen die Mafia für die Mafia bedrohlich ist, liegt an ihrem journalistischen Realismus, der auch ihre fiktiven Krimis kennzeichnet. Statt zu dramatisieren und zu übertreiben, statt sich in Grusel und Action zu ergießen – gegen diese Art popularisierende Darstellung hätte die Mafia nichts einzuwenden – bleibt Reski bei Fakten und Realitäten. Dass sie also Abstriche im Bereich Action macht, kann durchaus auch als Statement der Autorin gelesen werden.

Petra Reski im ARD-Forum auf der Frankfurter Buchmesse 2015

Es geht in ihrem Roman folglich nicht so sehr um die Mafia an sich als vielmehr um den mühsamen und bürokratischen Kampf gegen die Mafia in Italien und Deutschland. Dabei nimmt sie auch den Einfluss der Presse auf die Darstellung der Mafia und der Justiz in der Öffentlichkeit kritisch und durchaus ironisch in den Blick. Unterhaltsam konterkariert Reski über die Figur des Journalisten Wolfgang W. Wieneke die Welt des Journalismus als eitel, effizienzgesteuert, nicht immer frei und dafür manchmal eher träge. Medien sind nicht unbestechlich und machen zuweilen aus Verbrechern neue Figuren von Facebook-Fanseiten. Dass erfährt auch Wieneke, der sich gegen seine (jüngeren) Kollegen nicht mehr zu behaupten vermag, sich schließlich von seiner Anstellung bei FAKT lossagt, sich selbständig macht und im Alleingang in die erste Liga des Enthüllungsjournalismus katapultiert. Wieneke gelingt sein Neuanfang letztlich, weil er an der story »Jützenbach« drangeblieben ist, weil er tatsächlich »hart« recherchiert hat, ebenso unermüdlich wie Serena Vitale ihren Fall verfolgt. Hans-Ulrich Jützenbach ist ein deutscher Unternehmer in der Windenergie-Branche, der in Italien Windparks baut. Doch auch er ist letztlich nicht zu kriegen.

Aus rein poetischer Perspektive ist Reskis Krimi weder eine stilistische Überraschung, noch ein literarisches Kleinod. Doch eines wird dem Leser auch schnell klar: die Autorin ist, so wie es der Erzähler über seine Figuren sagt, »poetisch infiziert«: »Hier waren offenbar alle poetisch infiziert, Polizisten und Staatsanwälte, Mafiosi und ihre Strohmänner.« (119) Poetisch infiziert, dass sind z.B. die Operationen, denen die Polizisten und Staatsanwälte Namen geben wie »Fallen Icarus«. Poetisch infiziert, so möchte man auch Petra Reski nennen, die sich mit ihrem Krimi auf eine Gratwanderung zwischen Realität und Fiktion begibt und dabei die Fiktion nutzt, um die Realität noch genauer zu zeichnen als es ein rein journalistischer Text vermag. Die Fiktion erzählt nämlich auch, was zwischen den Zeilen steht. Dies wird gleich auf der ersten Seite des Krimis erkennbar, die die Protagonisten Serena Vitale einführt:

Sie glitt durch Palermo wie in einem U-Boot. Vorbei an den Kuppeln der Chiesa degli Eremiti und an einem halbverrotteten Prozessionswagen der Santa Rosalia, vorbei an dem riesigen Ficus, der seinen Schatten über Madonnenbilder mit verblichenen Plastikrosen warf, vorbei an dem marmornen Gedenkstein für ein kleines Mädchen, das von seinen Eltern ermordet worden war.

Durch das getönte Panzerglas sah die Stadt schwarzweiß aus, mit leichtem Blaustich. Es war, als wäre der Ton abgestellt worden. Kein Reifenquitschen, kein Vespaknattern, kein Kirchengeläut drang in das Innere. Auch kein Geruch. Nicht der warme Atem Afrikas, wenn es geregnet hatte. Nicht der Dunst des Meers, nicht die Fäulnis. (S. 7)

Die Exposition ist atmosphärisch, sie ist dicht und ausdrucksstark in ihrer Perspektivierung. Die Protagonisten erfährt ihre Umgebung Palermo wie in einem U-Boot. Ihr U-Boot ist in Wirklichkeit der Lancia, mit dem sie beruflich durch die Gegend chauffiert wird. Dabei erlebt Serena Vitale nicht nur Palermo wie durch ein U-Boot, sondern auch sich selbst – irgendwie abgeschirmt, dumpf, unerreichbar. Entsprechend versucht die Staatsanwältin so oft sie kann in eine andere Realität zu flüchten, die ihres Geliebten. Es ist die Suche nach einem normalen Leben, einem Leben ohne Kameras und Justiz, ohne Gewalt und  Verfolgung. Die Geschichte um ihre Affäre ist jedoch so dünn, dass sie lange ganz aus dem Auge gerät, bis sie am Ende wieder nützlich wird. Andererseits erlaubt die Randständigkeit dieser Affäre es, sie am Ende unaufgelöst zu lassen. Reskis Figurenzeichnungen und Ortsbeschreibungen knüpfen zwar hier und da an jenen poetischen Ton des Anfangs wieder an, lassen ihn aber oft allzu schnell wieder fallen. Z.B. wenn sie ansetzt, das Meer zu beschreiben oder die Ödnis italienischer Landstraßen, wenn der Leser nicht nur mit der Protagonisten zu denken, sondern auch zu fühlen anfängt. Das ist schade, denn da geht noch viel mehr. Lesen wir noch einmal ein Stück:

Sie fuhren über eine Ausfallstraße an Palermo vorbei, und Wieneke bedauerte, von der Stadt nicht mehr zu sehen als Unterführungen und Umgehungsstraßen, Betonsilos und Baumärkte. Am Ende kamen sie an einem sandfarbenen Ort mit würfelförmigen Häusern an. Am Straßenrand nichts als vertrocknete Palmen, Plastiktüten und Pappkartons. Das Licht war dunstig, vielleicht auch einfach nur verstaubt wegen des Sands, der immer noch durch die Luft wirbelte und den Blick auf das Meer trübte. Eine Betonmauer ragte wie ein Finger in das Meer, daneben ein Strand mit halbverrotteten Booten, explodierten Wassermelonen, leeren Lenorflaschen und haufweise Kondomen. (S. 27)

Diese Landschaftsbeschreibung setzt allen romantisierenden Italien-Fiktionen die tatsächliche Realität entgegen. Diese Ambivalenz zwischen Traum und Wirklichkeit treibt auch Wienekes Persönlichkeit um, der in seiner Vorstellung immer irgendwie will und in der Wirklichkeit nicht kann. Doch vielleicht ist es gar nicht die Absicht der Autorin über ihre poetischen Ansätze, die in ihren Beschreibungen verborgen liegen, hinauszugehen und auf jeden Fall schützt sie das vor dem Abgrund all jener Klischees rund um die Mafia und Italien, die weder dem Thema, noch dem rationalen Geist der Protagonistin Serena Vitale sowie demjenigen der Autorin entspricht.

In den Interviews in Funk und Fernsehen erleben wir Petra Reski als eine Persönlichkeit, die klar, realistisch und pragmatisch ist. Reski lässt sich nicht einschüchtern, sie hadert nicht mit sich. Sie weiß, was sie will und wer sie ist. Reski ist keine Romantikerin, aber auch keine Schwarzmalerin. Reski bleibt optimistisch, allerdings unter der Voraussetzung, dass die deutsche Öffentlichkeit den Tatsachen ins Auge sieht – ob auf einem fiktionalen oder non-fiktionalen Weg. Dieser Realismus, den Petra Reski als Person vertritt, durchzieht auch ihren Text. Manchmal droht Reski den Leser dabei etwas zu verlieren. Dann folgen auf Gespräche zwischen Ermittlern zu viele weitere Ermittler, dann lesen wir zu ausführlich von den Flügen, die der Journalist Wieneke und die Staatsanwältin Serena zwischen Italien und Deutschland unternehmen. Der Krimi besteht aus insgesamt 55 kurzen Kapiteln, die allein durch ihre Kürze der Langsamkeit der Ermittlungen ein erfrischendes Tempo entgegensetzen. Tempo und Spannung erreicht der Text durch das so erzeugte zügige Abwechseln unterschiedlicher Handlungsstränge. Da ist die Handlung um die ermittelnde Staatsanwältin Serena Vitale und ihrer Kollegen Paolo De Luca, Catina, ihren Chef Di Salvo sowie ihrer Leibwächter. Parallel dazu folgt der Leser Wienekes journalistischen Recherchen, bei denen er neben seinem Vorgesetzen Tillmann und dem Unternehmer Jützenbach v.a. mit seiner Freundin Francesca unterwegs ist. Schließlich gibt es noch einen dritten Handlungsstrang, in dem sich Antonio Romano, ein Mitarbeiter Serenas, verkleidet, um sich Inkognito mit dem Mafia-Mitglied Arena zu treffen, Insiderinformationen zu erhalten und die Überführung Lombardos zu planen. Spannende Unterhaltung erzeugen aber auch manche unerhörte Begebenheiten, mit denen der Leser nicht rechnet. Denn dass Lombardo nicht gefasst wird, ist längst nicht das einzige Ereignis, auf das dieser Krimi zusteuert. »Palermo Soundtrack« ist nicht nur Schlüsselwort für eine Stimmung, sondern auch für die Handlung, die manchmal etwas mühsam vorangeht und dann wieder rasend schnell an Tempo gewinnt.

Spannung zwischen Realität und Fiktion erzeugen auch die gewählten Namen. Der Name der Protagonistin Serena Vitale lädt zu einer trickreichen Parallele ein. Die ehemalige Mafia-Chefin Giuseppina Vitale hat zusammen mit Camilla Costanzo 2010 ihr Leben in der Mafia aufgeschrieben: »Ich war eine Mafia-Chefin: Mein Leben für die Cosa Nostra.« Damit autorisiert sie ihre Protagonistin Serena Vitale als absolute Mafia-Kennerin und zugleich beglaubigt Petra Reski damit ihre eigene Arbeit als Autorin, die nicht aus einer unbeholfenen Fremdperspektive erzählt. Petra Reski kennt sich nicht nur gut, sondern sehr gut aus. Ob diese Namensparallele Zufall oder Berechnung ist, ist rein spekulativ, solange wir Petra Reski dazu nicht befragt haben. Dasselbe gilt für eine zweite Parallele: Die Nebenfigur Cataldo, der Assistent des im Roman gesuchten Mafia-Bosses Alessio Lombardo, trägt denselben Namen wie ein italienischer Krimiautor: Giancarlo De Cataldo. Petra Reskis Die Gesichter der Toten ist von größter Brisanz, dabei eine unterhaltsame und spannende Lektüre, man will auf jeden Fall mehr, mehr Serena Vitale und mehr »Palermo Soundtrack«.

Bevor Reski ihre Krimiserie mit Palermo Connection 2014 eröffnete, erschienen von ihr zur italienischen Mafia folgende Titel: Von Kamen nach Korneole. Die Mafia in Deutschland, Hoffmann & Campe 2010; Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern, Droemer Knaur, 2008; Der Italiener an meiner Seite, Droemer Knaur 2007: Rita Atria. Eine Frau gegen die Mafia, Hoffmann & Campe 1994. Im Jahre 2008 wurde sie vom »medium. magazin für Journalisten« als »Reporterin des Jahres« ausgezeichnet und 2010 erhielt sie den Emma-Journalistinnen-Preis. Reskis Bücher beschäftigen sich außerdem mit ihrer Wahlheimat Venedig, ihrer ersten Heimat und Herkunft des Ruhrgebiets und ihrer Familiengeschichte. Heute sei ihr jüngster Krimi empfohlen:

Petra Reski: Die Gesichter der Toten, Serena Vitales zweiter Fall, Hamburg: Hoffmann & Campe 2015 (inzwischen im Taschenbuch im Imprint Atlantis erschienen).


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