Folge 6: … Napoli oder Wo bist du? Ich bin da, das ist irgendwo.

Ein Buch und einen Meinung

Ein Leben für viele, aber keins für sich. Über Roberto Saviano und seine Bücher zur Mafia

Roberto Saviano wurde 1979 in der Nähe von Neapel geboren. Doch nicht einfach irgendwo, sondern in der Kleinstadt Casal di Principe, die ca. 20 km nördlich von Neapel gelegen und eine Hochburg der Camorra ist. Camorra werden alle organisierten Familienclans genannt, die in Neapel und ganz Kampanien ihre kriminellen Machenschaften ausüben. Dazu gehören Drogenhandel, Waffenhandel, illegale Müllentsorgung und Schutzgelderpressung. Die Mafiosi der Camorra wirken jedoch nicht in irgendeinem Untergrund, sie sind nicht düster und müssen sich verstecken, weil man ihnen ansieht, dass sie Mafiosi sind. Im Gegenteil: Es handelt sich um ganz »normale« Menschen, die nicht auffallen und unter dem Deckmantel der Normalität mitten in der Gesellschaft, z. B. im Baugewerbe oder in der Modebranche, Aufträge annehmen und Geschäfte machen, die sie dazu missbrauchen, das kriminell erwirtschaftete Geld rein zu waschen. Diese Normalität scheinbar sauberer Geschäftsmänner macht sie so erfolgreich und zugleich so gefährlich.

Obwohl die Camorra im Laufe der Jahre mehrere Male für besiegt geglaubt wurde, ist sie heute wieder am Aufsteigen. In den neunziger Jahren saßen zahlreiche Mafia-Bosse im Gefängnis und 2010 fasste man endlich den flüchtigen Anführer Antonio Iovine, der zwei Jahre zuvor zu einer lebenslangen Strafe verurteilt worden war. Und dennoch: Die Camorra wirkt weiter. Dass das so ist, erklärt bereits die Tatsache, dass es sich hier nicht um eine kleine Gruppierung einzelner Krimineller handelt, sondern um jene Clans, die ganze Familien und damit alle Generationen umspannen. Für Nachwuchs ist also gesorgt. Der Schriftsteller Roberto Saviano ist nun inmitten dieser Welt geboren und aufgewachsen. Damit kennt er diese Welt nicht nur sehr gut, sondern sie kennt auch ihn. Und deshalb wird man Saviano nie in den Straßen Neapels antreffen. Denn Saviano hat die Mafia mit seinen Texten nicht etwa populär gemacht – dagegen hätte die Mafia keine Einwände gehabt – nein, Saviano hat die wahren gesellschaftlichen und politischen Verstrickungen der Camorra aufgedeckt. In seinen Büchern, die zwischen Roman und journalistischer Reportage schweben, hat er die Strukturen der Camorra dargestellt und die Namen der Täter enthüllt. Damit erhielt dieses gut funktionierende System ein Gesicht, das verantwortlich gemacht werden konnte. Mit seinem ersten Roman Gomorra: Viaggio nell’impero economico e nel sogno di dominio della Camorra (Mondadori 2006), zu Deutsch Gomorrha, Reise in das Reich der Camorra (Carl Hanser 2007/dtv 2015) wurde Saviano weltberühmt und erhielt zahlreiche Auszeichnungen. Matteo Garrone verfilmte 2008 Savianos Buch. Der Preis für dieses Buch war jedoch höher als hoch. Saviano hat sein Leben für die Bekämpfung der Camorra geopfert. Außer seines Weltruhms ist für ihn selbst nicht viel geblieben. Es gibt keine angemessene Form, mit der man seinen Verdienst würdigen könnte, um den Preis, den er dafür gezahlt hat auch nur ein klein wenig zurückzubezahlen. 

Neben dem Ruhm erhielt Saviano nämlich Morddrohungen, weshalb Umberto Eco 2006 appellierte für seinen Personenschutz zu sorgen, den das Innenministerium noch im selben Jahr umsetzte. Seitdem aber lebt Saviano versteckt an immer wieder wechselnden Orten – irgendwo, mehr darf die Öffentlichkeit nicht erfahren. Ein normales Leben ist damit für ihn unmöglich. Kein fester Wohnsitz, kein Familienalltag, kein Berufsalltag, kein entspannter Urlaub, keine Freiheit – immer auf der Flucht. Und während die Mafia in Italien im Kreise der Familie und von der Heimat aus in die ganze Welt ausstrahlend ihre Machenschaften immer weiterreiben kann, muss Roberto Saviano sein Leben für die Täter opfern. In der Konsequenz bedeutet das, dass nicht die eigentlichen Täter in ihrer Freiheit eingeschränkt werden, sondern das Saviano das unfreie und versteckte Leben eines verfolgten Täters führen muss. Die Kriminellen haben damit den Demokraten kriminalisiert. Wer hier also wen jagt, ist eine Frage, auf die es leider keine einfachen Antworten gibt. Recht und Unrecht laufen auf derselben Straße, aber in völlig verschiedene Richtungen. Und Gerechtigkeit ist viel komplexer, als sie ein Rechtsstaat vertreten kann. So wie Saviano die Bekämpfung der Mafia immer wieder gelungen ist, ist es der Mafia gelungen, die Werte einer demokratischen Gesellschaft anzugreifen und zu gefährden. Und warum? Weil die wahren Täter ein Netz von Lobbyisten in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft haben, dass in der demokratischen Gesellschaft funktioniert, weil die Nutznießer der Demokratie und freien Marktwirtschaft die organisierte Wirtschaftskriminalität mitträgt. Die Mafiosi sind keine bewaffneten Streuner, sondern Unternehmer in feinen Anzügen, Geschäftsleute, mächtige Einflussgrößen der Wirtschaft. Will man sie besiegen, muss man das ökonomische System »fundamental ändern« – so Saviano kürzlich in einem Interview mit Ulrich Ladurner von der Wochenzeitung Die Zeit (15.10.2015, Nr. 42, S. 51).

»Dieses Buch hat mein Leben zerstört.«

Roberto Saviano, der in Neapel Philosophie studierte und als freier Schriftsteller und Journalist leben wollte, hat in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung 2008 von seinen Zweifeln erzählt: »Jeden Morgen frage ich mich, warum ich das gemacht habe, und finde keine Antwort, weiß nicht, ob es das wert war.« (SZ, 14.10.2008) Gegenüber der Welt am Sonntag äußerte Saviano: »Dieses Buch hat mein Leben zerstört. Es ist wichtig zu berichten, keine Angst zu zeigen, sich nicht zum Schweigen bringen zu lassen. Aber genauso wichtig ist es, seine Straße zum Glück zu verteidigen. Ich weiß nicht einmal mehr, wie ich das finden soll. Ich leben ja völlig isoliert von meinen Mitmenschen.« (Welt am Sonntag, 26.05.2013) Und Saviano hat weitergeschrieben, bis heute. Er versteht sich dabei selbst als Schriftsteller, der journalistisches Material in nicht-fiktionale Literatur verwandelt. Folgende Bücher Savianos sind auf diese Weise entstanden und von Friederike Hausmann und Rita Seuß ins Deutsche übersetzt worden: Il contrario della morte (Corriere della Sera, Mailand 2007)/Das Gegenteil von Tod (Hanser, München 2009); La bellezza e l’inferno. Scritti 2004–2009 (Mondadori, Mailand 2009)/Die Schönheit und die Hölle – Texte 2004–2009 (Suhrkamp, Berlin 2010); Vieni via con me (Feltrinelli, Mailand 2011)/Der Kampf geht weiter: Widerstand gegen Mafia und Korruption (Hanser, München 2012). Zuletzt erschien ZeroZeroZero (Feltrinelli, Mailand 2013) 2014 in der gleichnamigen deutschen Übersetzung von Rita Seuß und Walter Kögeler im Hanser Verlag in München. Doch Saviano hat nicht nur weiter geschrieben, auch an seiner Isolation hat sich bis heute nichts geändert. Seitdem bekannt wurde, dass die Comorra ihn noch im selben Jahr bis Weihnachten auf der Autobahn in die Luft sprengen wollte, weigern sich Fluglinien, Saviano zu befördern oder Hotels, ihn zu beherbergen. Die Nobelpreisträger Günter Grass, Dario Fo, Michail Gorbatschow, Orhan Pamuk, Rita Levi-Montalcini und Desmond Tutu forderten in einem öffentlichen Appel die italienische Regierung dazu auf, Saviano noch besser zu schützen.

»Die Wirklichkeit übertrifft bei Weitem die Vorstellungskraft.«

Nach einer langen internen Debatte der Schwedischen Akademie, die den Nobelpreis verleiht, entschied sich diese, ihre politische Neutralität aufzugeben und Saviano und Salman Rushdie zu einer Diskussion über Das freie Wort und die gesetzlose Gewalt nach Stockholm einzuladen. Saviano arbeitet weiterhin als Schriftsteller und »freier« Journalist für die italienische Zeitschrift L’Espresso und für die Tageszeitung Il Manifesto und Corriere della Sera. Im Jahre 2010 moderierte er die sehr erfolgreiche vierteilige Sendung Vieni via con me (Komm weg mit mir) des Senders Rai 3. Darin lasen prominente Persönlichkeiten sowie das Moderatoren-Duo Saviano und Fabio Fazio Listen zu verschiedenen, kontroversen Themen vor, die mit Daten der aktuellen Gegenwart korreliert wurden, um die Evidenz dieser politischen und gesellschaftlichen Probleme aufzuzeigen. Abwechslung fand diese Lesung durch verschiedene eingeladene Gäste, Sänger, Schriftsteller und andere Künstler. Bis heute bereut Saviano sein Buch Gomorrha veröffentlicht zu haben. Warum? Weil die Camorra sich verändert hat: »Die Camorra von heute ist noch viel gefährlicher als die aus dem Jahr 2006.« (Die Zeit, 15.10.2015) Man sollte sich also keinen falschen Illusionen hingeben, denn so Roberto Saviano in demselben Interview: »Die Wirklichkeit übertrifft bei Weitem die Vorstellungskraft.«

Die Mafia lebt, in jeder Sekunde von gestern, heute bis morgen, überall, nicht nur in Italien. Doch das ist eine andere Geschichte, von der ich euch das nächste Mal erzählen möchte. Bis dahin empfiehlt euch Italienreport die Bücher von Roberto Saviano und zum Einstieg ein paar Interviews und Webseiten:

Offizielle Webseite Savianos: www.robertosaviano.com 

Beiträge und Interviews mit Roberto Saviano:

Welt am Sonntag 2008: www-sueddeutsche.de/panorama/saviano-und-die-mafia-der-lohn-ist-angst.1.519017 
Süddeutsche Zeitung 2013: www.welt.de/vermischtes/article116529578/Die-Mafia-ist-in-Deutschland-absurd-sicher.html 
Tagesspiegel 2014: www.tagesspiegel.de/medien/roberto-saviano-ueber-die-mafia-ich-fuehlte-mich-unbesiegbar-heute-habe-ich-angst/10129212.html
Roberto Saviano im Interview mit Ulrich Ladurner, »Ich habe es oft bereut«, Die Zeit, 15. 10. 2015, Nr. 42. S. 51-52. Online:
www.zeit.de/2015/42/roberto-saviano-mafia-gomorrha 

Foto: Giancarlo Belfiore, Abbildung ohne Änderungen, Quelle der Originaldatei: https://www.flickr.com/photos/journalismfestival/6312865856/


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