Franco Biondi: In der pizzeria der altstadt


Während sie am Tisch nebenan

ein rundes Ding aßen
das mit einer pizza Napoli
ähnlichkeit hatte
und dabei
über ihre versagten revolutionen
über die mangelnde internationale solidarität
über ihre reise in die gestrandeten träume
glatte sätze losließen

tranken wir
aus schaumbeschmierten gläsern
abgestandenes mainzer export
das ähnlichkeit mit uns selber hatte
und dabei schwiegen wir
über unsere enttäuschten hoffnungen
über die ausgebliebenen kontakte
über den weggespülten rückkehrerwunsch
wartend, daß auch dieser tag

vom deutschen alltagspinsel weggewischt wird.
Und unsere sätze
zwischen jedem schluck
waren weder glatt noch gehobelt
eher ganz rau –
sie trugen in ihre hülse
den rhythmus der maschinen
und den inhalt dieses abends

Franco Biondi,
Nicht nur Gastarbeiterliteratur: Gedichte, Eigenverlag 1979, S. 19.

Franco Biondi wurde 1947 in Forlì geboren und kam 1965 mit seinem Vater nach Westdeutschland. Als gelernter Schlosser und Elektroschweißer wie aber auch als Chemielaborant und Fließbandarbeiter arbeitete er zehn Jahre. Nachdem er in Abendkursen sein Abitur ablegte, studierte er von 1976-1982 Psychologie. Seitdem arbeitet er mit Kindrrn und Jugendlichen, heute als Familientherapeut und Schriftsteller. V.a. zur Zeit seiner dichterischen Anfänge in den siebziger Jahren erhielt Förderpreise und Arbeitsstipendien. Von 1974-1980 war er Mitglied im Werkkreis „Literatur der Arbeitswelt“ und veröffentlichte in dessen Anthologien. Im Jahre 1980 war Biondi Mitbegründer des Polynationalen Literatur- und Kunstvereins (PolyKunst), dessen Mitglied er bis zur Auflösung des Vereins 1987 war. Von Beginn an beschäftigte sich Biondi in seinen Werken mit dem Alltag der einstigen Gastarbeiter und den Problemen ihrer Integration in der Bundesrepublik. Er war es auch, der den Begriff „Gastarbeiterliteratur“ in Umlauf brachte und mit seinen Texten prägte. Biondi lebt und arbeitet mit seiner deutschen Frau in Mainz.

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.