Neuerscheinungen aus dem Italienischen im März 2016

Kriminalroman von Gianrico Carofiglio

Gianrico Carofligio: Eine Frage der Würde, Ein Fall für Avvocato Guerrieri, aus dem Italienischen von Victoria Schirach, München: Goldmann, März 2016.

Der 1961 in Bari geborene Schriftsteller Carofiglio arbeitet viele Jahre als Antimafia-Staatsanwalt. Mit seinen Krimis um den Avvocato Guerrieri, dessen fünfter Fall nun im März 2016 erscheint, ist er sehr erfolgreich in Italien, Deutschland und der ganzen Welt. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere weht dem Richter Pierluigi Larocca ein scharfer Wind entgegen. Man bezichtigt ihn der Bestechung und Larocco wendet sich an seinen alten Freund, den Anwalt Guerrieri. Die bedingungslose Hilfe seines Freundes wird jedoch auf eine harte Probe gestellt, denn im Laufe des Verfahrens tauchen widersprüchliche Hinweise auf…

 


Enrico Ianniello: Das wundersame Leben des Isodoro Raggiola, aus dem Italienischen von Christiane von Bechtholsheim, München: Piper, 01. 03. 2016.

Im Zentrum des Romans steht der Junge Isodoro, der mit seinen Eltern ein friedliches und harmonisches Leben in einem Dorf in Süditalien führt. Doch das Glück ist endlich. Isidoros Eltern kommen bei einem Erdbeben ums Leben. Tief traumatisiert verliert Isidoro seine Sprache und taucht statt zu sprechen in die Welt der Bücher ein. Als er in Neapel auf einen Unbekannten trifft, verändert diese Begegnung alles in seinem Leben. Der Roman Das wundersame Leben des Isodoro Raggiolaist Ianniellos erster Roman, für den er zahlreiche literarische Auszeichnungen erhielt.

 


Michele Serra: Die Liegenden, aus dem Italienischen von Julika Brandestini, Zürich: Diogenes, 23. 03. 2016.

Der Roman erzählt von Väter und Söhnen, von Generationenkonflikten und von neuen Menschentypen, den Liegenden. Im Zentrum steht das Verhältnis zwischen einem Vater, der seinen achtzehnjährigen Sohn beobachtet, der sein halbes Leben liegend zu verbringen scheint. Im Liegen lässt es sich nämlich besser surfen, wie? Rein virtuell natürlich und darüber vergisst der Junge offensichtlich seinen Vater, der dadurch die Gelegenheit erhält, seinen Sohn unbemerkt zu beobachten. Michele Serra ist in Italien auch wegen seiner Kolumnen für La Repubblica und L’Espresso bekannt.

 


Michele Serra: Kleine Feste, Geschichten und Beobachtungen, aus dem Italienischen von Julika Brandestini, Zürich: Diogenes, 23. 03. 2016.

 

In Kleine Feste erzählt Serra von zwölf verschiedenen Ereignissen im Alltag unterschiedlicher Menschen, die wie kleine Feste des normalen Lebens sind und dabei viel essentieller und feierlicher als so manch große Zeremonie. Serra ist ein scharfer Beobachter seiner unmittelbaren Umgebung. „Ein großartiger Autor.“ (Claudio Magris)

 


Antonio Tabucchi: Reisen und andere Reisen, aus dem Italienischen von Karin Fleischanderl, München: Carl Hanser, 14. 03. 2016.

Tabucchi zählt zu einem der wichtigsten italienischen Autoren des 20. Jahrhundert und zu einem der wenigen italienischen Autoren, die wie oder beinah wie sein kürzlich verstorbener Kollege Umberto Eco in Deutschland und in der ganzen Welt ein großes Publikum gefunden hat. Im Hanser Verlag erschienen zahlreiche Titel seines Werks auf deutscher Sprache. In diesem neuesten Band nimmt uns Tabucchi mit an die Orte seiner Erzählungen. Wir sind eingeladen auf eine Reise nach Paris, Madrid, Lissabon, nach Griechenland, Rumänien, Indien, Brasilien. Auf Reisen nähert sich Tabucchi mit seinen Lesern den Grenzen zwischen Realität und Imagination, Fremdheit und Vertrautheit. Nehmen wir sie an, diese Einladung eines erfahrenden Reisenden und weltgewandten Autors.

 


Giorgio Bassani: Die Gärten der Finzi-Contini, aus dem Italienischen von Herbert Schlüter, Berlin: Wagenbach Verlag, März 2016. 
Aus der Backlist des Wagenbach Verlags ist einer der wichtigsten italienischen Romane des 20. Jahrhunderts wieder in deutscher Übersetzung erhältlich. Bassani erzählt die Liebesgeschichte zwischen dem jüdischen Mädchen Micól und dem Ich-Erzähler in den 1930er Jahren. Erzählt wird ebenso die Geschichte des italienischen Antisemitismus, die die bürgerliche Familie Finzi-Contini aus Ferrara versucht zu überstehen, indem sie sich in ihr Anwesen zurückzieht und ihre Gärten für die Umgebung öffnet, um so zugleich den jugendlichen Kindern die Teilhabe an der italienischen Gesellschaft und Kultur zu Teil werden zu lassen. Die Gärten der Finzi-Contini war Bassanis erster Roman, mit dem er weltberühmt wurde und der 1970 von dem nicht weniger bedeutenden und bekannten Vittorio De Sica verfilmt wurde.

 


Gaby Wurster (Hg.): Triest. Eine literarische Einladung, Berlin: Wagenbach Verlag, März 2016.

Die literarischen Einladungen in die Metropolen und Städte dieser Welt gehören nicht nur seit vielen Jahren zum festen Programm des Wagenbach Verlages, sondern auch dass seiner treuen Leser. Wer schon einmal eine literarische Einladung erhalten hat, weiß worauf er sich freuen kann: Einblicke und Ausblick auf Städte und Landschaften, Landsleute und Touristen, Alltagsgeschehen und Reiseerfahrungen. Neben seiner wechselvollen Geschichte gehört zu Triest auch eine wichtige literarische Tradition, die diese Einladung nicht auslässt: die Lyrik von Umberto Saba und die Prosa von Italo Svevo, außerdem Claudio Magris, Susanna Tamaro und viele mehr. Sie können Sie alle kennenlernen, wenn sie der Einladung folgen mögen. Herzlich Willkommen, in Triest und im Wagenbach Verlag.

Folge 11: Blau wie das Meer oder “Die Geometrie der Liebe”

Debütroman von Luigi Trucillo

Luigi Trucillo: Die Geometrie der Liebe, Hamburg: mareverlag 2015

Ein Archivar eines Zeitungsarchivs aus Neapel und eine Doktorandin der Sinologie, die sich gerade von ihrem Freund getrennt hat, verlieben sich auf einer Fähre nach Piräus (Griechenland). Hin und her geht es nicht nur zwischen Neapel und den griechischen Inseln Piräus und Samos, sondern vor allem in der schnell entfachten Liebe dieses Paares, der es bis zum Schluss nicht gelingt, bedingungslos und formgleich zu werden. Die Geometrie dieser Beziehung ist keineswegs einfach und schon gar nicht symmetrisch. Während die junge Frau über ein Jahr darauf wartet, mit dem getrennten Familienvater zusammenzuziehen, um ihre Liebe tief und ganzheitlich zu leben, bleibt der Archivar zurückgezogen und misstrauisch. Die rasende, obsessive Eifersucht des Archivars sowie seine Entscheidungsschwäche für ein Leben mit der jungen Frau, aus schlechtem Gewissen seiner Tochter gegenüber, blockieren die leidenschaftliche Liebesbeziehung, die so leicht und innig in einer gemeinsamen Nacht begonnen hatte.

In jeder Paarbeziehung gibt es freie Rollen, die zu besetzen sind.

Als seine Freundin ihm gesteht, auf ihrer mehrmonatigen Chinareise, auf die er sie ebenfalls wegen seiner Tochter nicht begleiten konnte, fremd gegangen zu sein, beginnt dem Archivar die Wirklichkeit zu entgleisen. Auslöser für die bald wahnhafte Eifersucht des namenlos bleibenden Archivars ist schließlich eine Fotografie aus seinem Archiv, die einen Raubüberfall dokumentiert und auf der eine Frau zu sehen ist, die der jungen Sinologin stark ähnelt. Ist sie es? Ist sie es nicht? Was ist an diesem Tag geschehen? Was ist Wahrheit, was ist Lüge? Was Realität, was Irrealität? Der Archivar beginnt der jungen Frau hinterher zu spionieren und in ihren privaten Sachen zu wühlen. Während er ihr ein Parallelleben unterstellt, merkt er nicht, dass er selbst längst ein solches zu führen angefangen hat. In diesem anderen Leben beginnt sich der Erzähler mehr und mehr nicht nur von seiner Normalität, sondern auch von sich selbst zu entfernen. Und so ist diese Geometrie der Liebe vielmehr ein Chaos der Gefühle, die immer wieder umschlagen zwischen Liebe, Anziehung und Nähe einerseits und Ablehnung, Angst und Distanzierung andererseits. Zweisamkeit bleibt letztlich Einsamkeit und die Leichtigkeit der Liebe wird von der Schwere der Eifersucht zerdrückt.

Aber die Dinge sind nur real, 

 wenn wir uns auch entschließen, sie anzusehen.

Welchen Weg also kann diese Liebe nehmen, wenn sie nicht jener Linie treu bleibt als die sie zu Beginn des Romans bestimmt wird: „Die Linie, die du so markierst, ist der Weg, den du für eure Liebe vorzeichnest, die Schwelle, die deine Leidenschaft entschlossen überschreiten will. Nun kann eure Beziehung beginnen.“ (S. 14) Der Weg, den diese Liebe nimmt, entspricht dem tatsächlichen Weg der Protagonisten: es ist der Weg über das Meer. Die Liebe „ist blau wie das Meer“ (S. 47). Das Meer mit seiner glatten Oberfläche ebenso wie mit seinen Untiefen, in denen die Angst des unentschlossenen Archivars strömt: „(…) bist wie ein Schiff, das fürchtet, von der Flasche zerbrochen zu werden, die es vom Stapel laufen lässt.“ (S. 23) Und so wird die Zusammenarbeit der Sinologin mit einem Journalisten des Fernsehsenders RAI für eine Sendung über die chinesische Mafia für den eifersüchtigen Archivar ein „Unterwasserkonflikt“ (S. 39), in dem Angst die bestimmende Strömung bleibt. Das Meer ist der Ort, an dem die Liebe einst entstand, sich zu tragen begann und an dem sie wieder auseinanderströmt. Das Meer ist der Ort, an dem Atmosphäre sich zu Stimmungen verdichtet: „Über der Terrasse ist ein prall mit Wasser gefüllter Mond aufgegangen. Vom Meer kommen Windböen, die sich in den Servietten verfangen und sie gegen die Brüstung wehen.“ (S. 17) Schließlich geht der Archivar über das Meer, fährt auf die Insel Samos, wo er sich auf die Ärztin Yoanna einlässt, um sich an seiner Freundin zu „rächen“. Mit Yoanna, der Frau mit den „schiffbrüchigen Augen“ (S. 73), schwimmt er im kobaltblauen Meer. Mit ihr verlangsamt sich die Zeit, entspannt sich sein Gefühl, wird das „Wasser zur Erlösung“ (S. 90) im Fluss des Lebens. Doch Wellen durchfluten letztlich das Meer wieder und reißen es auf, so wie auch das Sprachmeer Trucillos.

In Trucillos Roman ist fast alles reduziert: die Zahl der Figuren, die Handlungsstränge, die Zahl der Ereignisse, die Orte und Zeiten – nur eines nicht: die Sprache, die wenn sie an sich auch schlicht bleibt, in ihrer poetischen Entfaltung eine visuelle Kraft erlangt, die beeindruckt. Nur stellenweise, wenn der Liebesakt erzählt wird, kippt die Poesie der Wassermetaphorik in die Obsession einer unbedingt konstruierten Sprache: „Als du in sie eindringst, möchtest du mit deinem Glied am liebsten bis hinauf in das Zentrum ihres Blickes, der dich durchtränkt wie eine flüssige Flamme.“ (S. 13) Doch diese nur wenigen Momente überschatten kaum die Individualität und Poetizität dieses Romans. Die Geometrie der Liebe ist ein Roman, den man in einem Rutsch lesen kann oder vielleicht sollte, damit dieser besondere Ton, wenn man ihn endlich zu hören beginnt, nicht wieder abreist und man den vollen Klang von Trucillos eindrucksvoller Poesie erfassen und spüren kann.

In den insgesamt vier Kapiteln, auf die ein Epilog folgt, wählt der Ich-Erzähler die Perspektive des Du, die zunächst etwas befremdlich, zumindest ungewöhnlich und anfangs anstrengend wirkt. Es braucht daher etwas Geduld, um in den Flow dieses Textes zu kommen. Dass der eigentliche Ich-Erzähler die du-Perspektive wählt kann jedoch auch als erstes Anzeichen dafür interpretiert werden, dass er auf Distanz zu sich geht bzw. sich seiner selbst entfremdet fühlt. Entsprechend existentiell sind die Fragen, die Trucillo seinen Erzähler stellen lässt. Doch er hebt keineswegs philosophisch ab, sondern verbindet diese am Wesen des Lebens und der Liebe rüttelnden Fragen mit der episodischen Erzählung ganz alltäglicher Situationen, z.B. dem Einkauf in einem Kaufhaus oder dem Besuch eines Cafés. Ganz subtil gelingt es Trucillo so auch, die Reflexion von Liebe mit einer Kritik am Kapitalismus zu verbinden. Denn suggeriert letzterer, es sei immer möglich alles zu bekommen, was man begehrt, lehrt gerade die Erfahrung der Liebe, das dies nicht so ist.

Nun bist du, wo du bist, und zugleich nirgendwo.

Die Versuche einander zu verstehen und sich selbst zu verstehen, sind verzweifelt und vergeblich. Zu einer Aussprache kommt es nicht und die Liebe bleibt ein leidvoller Kampf um Kontrolle und Gewissheit. In diesem angstvollen Kampf ist echte Hingabe unmöglich. Und so ist die Liebe dieses Paares ein Aufbruch ohne Ankunft, eine Flut, die in der Ebbe versandet, eine Reise ohne gemeinsames Ziel. Ihre Liebe ist ein Torso: „Plötzlich wird dir dramatisch klar, dass du jetzt, da ihr an diesem Punkt angelangt seid, nur noch kämpfen kannst, versuchen, sie zu orten und aus diesem Meer von Distanz zurückzuholen. Doch du hast nicht viel Zeit: Mit jedem Moment, der vergeht, verfangen sich eure Augen einmal mehr woanders, bricht eure Umarmung ein Stück weiter auf.“ (S. 51) Liebe erweist sich als eine Verlusterfahrung, als das Gefühl, den anderen zu verlieren, nicht Teil von ihm werden zu können. Nach einem Streit flüchtet der Archivar in das ihm unerträglich erscheinende Venedig: „Schmerzhaft wird dir bewusst, dass auch ein Bruch eine Verbindung sein kann.“ (S. 58) Doch es bleibt das „schreckliche Gefühl, kurz davor zu sein, etwas zu erfassen, das dir jedoch immer wieder entgleitet. (…) Wie ein Stadtteil der, Zentrum sein will, es jedoch niemals sein wird. Sprich: wie eine Peripherie.“ (S. 123-124)

Dabei ist die Geometrie der Liebe auch eine Geometrie der Zeit. Hatte sich Zeit mit Yoanna entspannt und verlangsamt, beschleunigt sie sich mit der jungen Sinologin bis zu einem Moment höchster Spannung. „Du hast auf die Gegenwart gewartet. Die Ehrlichkeit einer Gegenwart, die frei ist von Eifersucht auf die Vergangenheit (…). Eine Gegenwart. Hier. Jetzt. Wie das tuckernde Fischerboot, das vor deinen Augen das azurblaue Wasser des Hafens von Samos durchpflügt.“ (S. 100) Der Augenblick absoluter Gegenwärtigkeit der Liebe wird auf Samos jedoch durch einen tagelangen Brand zunichte. Der Archivar trennt sich von Yoanna und nähert sich erneut der Sinologin an. Doch mit ihr nimmt die Zeit eine andere Richtung: „Die Zeit verändert sich, die Zeit wird zu einem fremden Land.“ (S. 126) Als der Archivar private und intime Briefe auf dem Computer seiner Freundin findet, reißt seine Obsession alle Dämme ein und wird rasend. Trucillo gelingt es noch auf der letzten Seite die Spannung auf ihren Höhepunkt zu halten und den Schiffbruch dieser Liebesbeziehung mit einer der Novelle ähnlichen unerhörten Begebenheit aufzulösen… Was bleibt, ist eine Liebe, die sich anfühlt „wie eine einzige offene Wunde“ (S. 60).

Luigi Trucillo wurde 1955 in Neapel geboren. Er ist später Romancier, denn Die Geometrie der Liebe, 2015 im mareverlag erschienen, ist sein erster Roman. Doch den italienischen Lesern (leider nicht den deutschen) ist er bereits als Lyriker bekannt und das verwundert kaum bei der Lektüre seines Romans, der von der Dichte und Intensität der lyrischen Sprache genährt ist. Trucilllos Roman erschien in Italien 2013 im Mondadori Verlag unter dem Titel Quello che ti dice il fuocoDas, was dir das Feuer sagt, ein Titel, der den Brand dieser obsessiven Liebe vielleicht etwas treffender einleitet als sein deutsches Pendant. Doch das ist kaum von Gewicht, bleibt Die Geometrie der Liebe ein dringend zu empfehlender Roman für all jene, die im Meer der Neuerscheinungen nach einer kunst- und niveauvollen, einer reflektierten und eindringlichen Stimme suchen. 

Luigi Trucillo: Die Geometrie der Liebe, aus dem Italienischen von Valerie Schneider, Hamburg: mare Verlag 2015. 18,00€. Mehr unter: http://www.mare.de/index.php?article_id=4179

 

 

Folge 10: “Regina del mare” und des Kinos: Sophia Loren

Eine Biographie von Sophia Loren

Sophia Loren: Mein Leben

Es ist, als säße man neben Sophia Loren auf einer großen, weißen Couch und tränke Kaffee. Sophia Loren erzählt so offen, gefühlvoll und anschaulich, nie würde man sich vorstellen, man säße ihr an einem großen Tisch distanziert gegenüber. Nein, Sophia Loren ist auch als Erzählerin ihres Lebens magisch, eindrucksvoll, souverän und zugleich nah wie eine gute Freundin. „Mein Gefühl sagt mir, dass ich mich in die Welt stürzen musste, ich wusste nur nicht, wie und wo. Und vielleicht nicht einmal, warum“ (S. 34). Es war nicht nur der Wunsch des Mädchens Sofia, als Schauspielerin ihre Gefühle auszudrücken, sondern es ist auch der Wunsch der Autobiographin Sophia Loren. Loren erzeugt in ihrer Autobiographie eine große Nähe zum Leser, indem ihre Sprache häufig wie aus dem Alltag gegriffen scheint, z.B. wenn sie fragt: „Ob mir das damals klar war? Schwer zu sagen.“ (S. 58). Loren bezieht so ihre Leser in den Erinnerungsprozess mit ein anstatt ihnen nur das Ergebnis dieses Prozesses zu präsentieren. Dieser emphatische und private Zugang, den Loren ihren Lesern zu ihrem Leben freilegt, wird bereits auf der ersten Seite der Autobiographie ausgestaltet. Im Prolog erzählt Loren wie sie am 23. Dezember, einen Tag vor Heilig Abend, in der Küche in den Vorbereitungen für die Feiertage steckt, während ihre Enkelkinder im Wohnzimmer rumoren und es an der Haustür klingelt. Nicht von der öffentlichen Perspektive des Schauspielstars, sondern aus der privaten Perspektive der Tochter und Schwester, der Mutter und Ehefrau ebenso wie der Freundin erzählt sie ihr Leben.

Auf leichte, aber eindringliche Art vermittelt Sophia Loren in ihrer Autobiographie ihren Lesern nicht nur ihren beruflichen und privaten Lebensweg, sondern auch die italienische Nachkriegsgeschichte und Filmwelt ebenso wie Ansichten und Einsichten in das Leben, die Liebe und den Lauf der Dinge, oft in anekdotischer Weise. Die Autobiographie Mein Leben ist 2014 zu Lorens 80. Geburtstag im Rizzoli Verlag mit dem Titel Ieri, oggi, domani erschienen. Der italienische Originaltitel war bereits 1963 Titel eines Films von Vittorio de Sica, in dem Loren die weibliche Hauptrolle in allen drei Episoden des Films spielte. Doch bis dahin war es ein weiter Weg.

Sophia Loren wurde als Sofia Villani Scicolone 1934 in ärmlichen und von Hunger geplagten Verhältnissen in Rom geboren, zog aber wenig später mit ihrer Mutter Romilda Villani nach Pozzuoli, einem ärmlichen Vorort von Neapel, wo sie aufwuchs. Sofia und ihre jüngere Schwester Maria waren unehelich, da der Vater Riccardo Scicolono bereits verheiratet war. Er kümmerte sich zeitlebens nicht um seine Töchter, die dessen Ablehnung und Kälte nie überwanden. Romilda versuchte mit der Schönheit ihrer Tochter Sofia auf Misswahlen, mit dem Modellstehen für Fotoromane und mit Komparsenauftritten Geld zu verdienen, um die Familie durchzubringen. Vittorio de Sica, einer der wichtigsten italienischen Regisseure des 20. Jahrhunderts, entdeckte die jugendliche Sofia in Rom, nachdem sie ein Zugticket in die Hauptstadt auf einem Schönheitswettbewerb gewonnen hatte. Ihre Wahl zur „Miss Rom“ im Jahr 1950 war eines von mehreren schicksalhaften Ereignissen ihres Lebens. Wenngleich sie dort nicht den ersten Platz gewann, so lernte sie dort ihre große Liebe, den viel älteren Filmproduzenten Carlo Ponti kennen, der zum Zentrum ihres Lebens wurde und mit dem sie die Kinder Carlo und Edoardo bekam. Carlo, der für Loren nicht nur ein Geliebter, sondern auch wie ein Vater, Freund und Berater für sie war, starb 2007 im Alter von 95 Jahren. Ihre Liebe zu Carlo wurde von seiner ersten Ehe überschattet, insofern seine Scheidung von der Kirche nicht anerkannt wurde und er mit Sofia zunächst keine Ehe eingehen konnte. Carlo ließ sich in Mexiko von seiner Frau scheiden und heiratete Loren 1957. 1962 wurde die Ehe jedoch annulliert. Loren, Carlo und Giuliana Fiastri, Carlos erste Ehefrau, nahmen daraufhin die französische Staatsbürgerschaft an. Carlo ließ sich erneut scheiden und legalisierte 1966 seine Ehe mit Sophia Loren. Sophia Loren erzählt mit ihren Erinnerungen zugleich von den Leben einiger wichtiger Filmemacher und Schauspieler, mit denen sie zusammenarbeitete. Neben ihrem Lehrmeister Vittorio De Sica und ihrer großen Liebe Carlo Ponti erzählt sie auch von dem Regisseur Cesare Zavattini, dem Schauspieler Marcello Mastroianni, der ihr ein Seelenverwandter wurde und von dem großen Charlie Chaplin.

„Ich fuhr los, ins Ungewisse, dem Märchen meines Lebens entgegen.“ (S. 79)

Loren, die in den 1960er Jahren zum Weltstar wurde, hat insgesamt über 100 Filme gedreht. Ihre erste Hauptrolle spielte sie in Weiße Frau in Afrika 1953 von Goffredo Lomardo, der aus Sofia Scicolone die international präsentable Sophia Loren machte. Mit ihrem Leinwandpartner Marcello Mastroianni, mit dem sie eine innige Freundschaft verband, drehte sie u.a. die Hollywood-Produktionen Hausboot(1958), Es begann in Neapel (1960) und Und dennoch leben sie (1960). Mit letzterem Film erlebte Loren ihren internationalen Durchbruch. Die Bühnen der Welt wurden zu ihrem Lebensraum, in dem Leben und Traum, Leben und Fiktion sich immer stärker vermischten. Sie träumte nicht ihr Leben, sondern sie lebte ihre Träume.

„Ich lief durch diese Märchenwelt und haschte nach meinem Schicksal wie nach einem Trugbild. Ich lief und träumte, aber ich war keine Träumerin. Ich stand mit beiden Beinen fest auf dem Boden und wartete auf meine Chance. Und ich war zuverlässig und pünktlich.“ (S. 76)

Sophia Loren bei der Erzählung ihres Lebens zuzuhören, ist nicht nur deshalb so spannend, weil sie von ihren Träumen und dem Mut, den es braucht, an diesen Träumen festzuhalten und nicht aufzugeben erzählt, sondern weil sie damit auch dem Leser Mut macht, an seine eigenen Träume zu glauben, mögen es auch ganz kleine und private Träume sein. Zum Träumen braucht es Mut, wenn man etwas erreichen will, gibt Loren ihren Lesern weiter. Loren zeichnet besonders dieser Mut aus, zu sich zu stehen, mit all ihren Ecken und Kanten, so wie sie ist. Darin liegt das Geheimnis ihrer Schönheit und Magie.

In den vielen Ereignissen und Anekdoten ihres Lebens erfährt der Leser dieser Autobiographie von der Vielschichtigkeit dieser Künstlerpersönlichkeit, die durch großen Kampfgeist und Mut, große Lernbereitschaft und Wissbegierde, Leidenschaft sowie Neugierde charakterisiert ist. Zu ihren Facetten gehören aber auch die schmerzlichen Erfahrungen des Verlusts und der Einsamkeit, Schüchternheit, Verletzlichkeit und Ängste, von denen Loren offen erzählt. Trotz oder gerade wegen ihres großen öffentlichen Erfolgs durchdringt sie auch die Sehnsucht nach dem Einfachen, Privaten und Familiären und nach Heimat. Und so erzählt Loren auch, wie sie schwimmen gelernt hat, von der Pasta mit Bohnen, die zum Duft ihrer Kindheit wurde oder wie sie mit Sarah Spain Englisch lernte. So wie Loren ihr Leben erzählt, ist sie selbst: bodenständig und natürlich.

„Die Schatzkiste meiner Erinnerungen“, so überschreibt Loren die ihrer Autobiographie beigefügten Fotostrecken, in denen sie auf über sechzig Seiten eine Fülle von Einblicken in private und öffentliche Fotografien, in Briefe und Tagebucheinträge oder in Film- und Werbeplakate gewähren lässt. Allein die Fülle der Bilder und die Offenheit, diese Bilder der Öffentlichkeit zu zeigen, diese Schatzkiste der Erinnerungen ist es wert, dieses Buch zu besitzen. In mehreren Zwischenspielen kehrt Sophia Loren in ihrer Autobiographie in die Gegenwart zurück, die sie im Prolog eröffnet hatte: ein Tag vor Heiligabend. Dann wird sie sich ihres Glückes bewusst, des vergangenen wie des gegenwärtigen. „Ich gebe mich meinen Gefühlen hin und spüre dieser unsagbaren Freude im Hier und Jetzt noch eine Weile nach, bevor mich wieder meine Schatzkiste ruft und in die Vergangenheit zurückführt.“ (S. 194) Hier lässt sich einmal sagen, was man allzu oft leider nicht sagen kann: Mein Leben von Sophia Loren ist zu recht ein Bestseller geworden – und sollte es bleiben.

Sophia Loren: Mein Leben, München: Piper Verlag 2015, 9,99 €

Siehe auch den Link zum Buch im Piper Verlag: http://www.piper.de/buecher/mein-leben-isbn-978-3-492-30837-3 

 

Italienische Weihnachten

Die schönsten Geschichten

gesammelt von Klaus Wagenbach, Berlin: Wagenbach Verlag 2007. 

Emilio Cecchi: „Feierliche Tischrede am Weihnachtsabend“
Ermanno Cavazzoni: „Die Heiligen Drei Könige“
Andrea Camilleri: „Und das Rentier nahm den Weihnachtsmann auf die Hörner“
Laura Mancinelli: „Die Inselmusik“
Luigi Malerba: „Gold, Weihrauch und Myrrhe“
Luciano De Crescenzo: „Krippenliebhaber und Baumliebhaber“
Sebastiano Vasalli: „Der Weihnachtsroboter“
Giorgio Manganelli: „Die Krippe“
Natalia Ginzburg: „Winter in den Abruzzen“
Leonardo Sciascia: „Weihnachten im Schnee“
Franco Stelzer: „Das erste Weihnachten ohne meine Mutter“
Alberto Moravia: „Der Weihnachtstruthan“
Marco Vichi: „Die Verabredung“
Dino Buzzati: „Das seltsame Weihnachtsfest des Mr. Scrooge“
Italo Calvino: „Die Kinder des Weihnachtsmanns“
Vitaliano Brancati: „Ein ‚fortschrittlicher Mann‘ bei der Mitternachtsmesse“
Mario Soldati: „Täuschung und Gewißheit“
Gianni Celati: „Mit dem Paradies ist es vorbei“

Bis auf Emilio Cecchi, der 1884 in Florenz geboren wurde, sind alle hier versammelten Autoren Kinder die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zur Welt gekommen sind. Darunter dem kundigen Leser bekannte Größen wie Alberto Moravia oder Italo Calvino sowie Autoren, die in den letzten Jahren größte Beliebtheit beim deutschen Publikum gefunden haben wie Andrea Camilleri. Wenngleich alle in der Anthologie versammelten Texte Kurzgeschichten sind, handelt es sich dabei um Vertreter für unterschiedliche Genres und Stile. So stößt der magische Realismus Dino Buzzatis auf den Neorealismus von Alberto Moravia und die Krimiliteratur von Andrea Camilleri auf die mit politischen Untertönen durchsetzten Alltagsaufnahmen von Leonardo Sciascia. Genauso vielseitig wie die Figuren sind die Künstlerpersönlichkeiten, die oft nicht nur Dichter, sondern auch Regisseur, Drehbuchschreiber, Wissenschaftler, Lektoren oder Übersetzer sind.

Die Texte erzählen komische bis tragische Szenarien, Visionen und Geschehnisse. Da ist z.B. Emilio Cecchi, der seinen Lesern das Essen zu Weihnachten als Sinnbild erkennen und es als Glaubensbekenntnis begreifen läßt, als „eßbare Krippe“ (10). Da ist Sebastiano Vasallis Weihnachtsroboter oder sind Calvinos Kinder des Weihnachtsmannes. Es wird gelacht und geweint in diesen Geschichten, die kurzweilig gelesen werden können und dennoch lange im Gedächtnis verweilen.

Zu Weihnachten, zur Vorfreude oder Nachbearbeitung, zum Verschenken und zum Selbstlesen sei daher heute die von Klaus Wagenbach persönlich zusammengestellte und herausgegebene Anthologie „Italienische Weihnachten“ sehr empfohlen.




Folge 7: Tatorte – Italienische Krimis und deutsche Leser – eine unbekannte Liebe?

https://speakworlds.wordpress.com/2014/08/16/giallo-non-e-solo-un-colore/
Über italienische Kommissare aus Deutschland und deutsche Übersetzungen aus dem Italienischen

In Amerika boomen Krimis, in England boomen Krimis, in Frankreich wahrscheinlich auch, in Deutschland boomen Krimis, eine Fernsehwoche ohne Tatort ist in Deutschland keine gelungene TV-Woche und in Italien boomen Krimis mindestens so stark wie in allen anderen Ländern. Viele Krimis, die in Deutschland gelesen werden, stammen natürlich auch aus anderen Ländern, z.B. Italien. Fragt man die Krimileser seiner Umgebung nach ihren Favoriten oder immer wieder gelesenen Autoren, so sind das selten italienische Autoren. Vielleicht liegt das daran, dass der deutsche Leser nicht erst zu einer Übersetzung greifen braucht, um sich nach Italien zu träumen oder doch eher zu gruseln. Donna Leon ist vielleicht das bekannteste Beispiel, doch auch unter deutschen Krimiautoren ist Italien ein beliebter Tatort. Das widerspricht durchaus dem „Tatort-Prinzip“, das seinen Erfolg auch den regionalem Setting und Ermittlerduo verdankt. Oder wer könnte sich Thiel und Boerne in einer anderen Stadt als Münster vorstellen. Kaum einer. Und jeder weiß andersherum sofort: Münster-Krimi? Thiel und Boerne natürlich. Das Phänomen Tatort Italien ist offensichtlich keines des Fernsehens, sondern ein Kennzeichen literarischer Krimis. Dazu zählen z.B. die Krimis von Petra Reski, die sich ausführlich mit der italienischen Mafia auseinandersetzt (Die Gesichter der Toten, Hoffmann & Campe, 2015) und Serena Vitale in Palermo ermitteln lässt. Oder die Krimis von Lenz Koppelstätter, der zuletzt Der Tote am Gletscher. Ein Fall für Commissario Grauner im Kiepenheuer & Witsch Verlag veröffentlichte. Populär sind auch die Krimis von Veit Heinichen, der ehemalige Geschäftsführer des Berlin-Verlages, der seinen Commissario Proteo Laurenti in Triest ermitteln lässt.

Tatort Italien bzw. Tatort und Italien also, das lieben die Deutschen. Doch warum stammen diese Krimis so selten aus der Feder von Italienern? In Deutschland ist außer Andrea Camilleri kein italienischer Krimiautor so wirklich bekannt. Dafür kennt das deutsche Publikum Commissario Brunetti wie keinen anderen, ein Krimi-Kommissar aus Venedig. Er ist die Hauptfigur in der Krimi-Serie von Donna Leon. Der amerikanische Autor hat damit weltweit Erfolg, in Italien kennt man ihn hingegen kaum. Was läuft da schief? Während wir also die italienischen Krimis nicht kennen, kennen die Italiener unsere italienischen Kommissare nicht. Dafür kann es nur einen Grund geben: Wir sprechen von zwei verschiedenen Italien. Weil wir den Krimi genauso lieben wie Italien und deshalb es nicht ertragen würden, wenn das eine dem anderen schaden würde, wenn also der Krimi unseren Traum vom schönen Italien zerstören würde. Daher lieben viele Leser Figuren wie Commissario Brunetti, die uns quasi nebenbei das wunderschöne Venedig zeigen, wo wir sowieso unbedingt mal hinwollen oder wo wir vielleicht schon waren. Das wir die italienischen Krimis viel weniger im Gedächtnis haben oder ihnen Eintritt gewähren liegt sicher daran, dass diese Krimis häufig von einem anderen und oft viel realistischeren Italien erzählen oder das Italien eben gar nicht so sehr zum Thema machen. Irgendwie logisch. Es geht ja auch um ein Verbrechen und nicht um die Urlaubsplanung. Nicht unsere Urlaubsplanungen, doch aber vielleicht unsere Lesegewohnheiten könnten oder sollten wir vielleicht ändern. Wir werden sehen, da gibt es bereits eine ganze Menge zu lesen.

Die italienischen Romane, die insgesamt auf dem deutschen Buchmarkt nur wenig vertreten sind, sind unterm Strich häufig Krimis. Also wenn italienische Literatur, dann gerne Krimis. Das ist sicher deshalb so, weil es in Deutschland und in der ganzen Welt jenen regelrechten Krimiboom gibt. Sind die italienischen Krimis vielleicht einfach gut sind? Wer sind die Autoren, die diese Krimis schreiben? Welche italienischen Städte werden für Krimis bevorzug gewählt? Wir gehen auf Spurensuche und stoßen auf eine ganze Menge italienischer Krimis, die in Italien übrigens „giallo“ heißen. 

Das Genre des Krimis erhielt seinen Namen von einer Krimi-Reihe, die der Mondadori Verlag seit 1929 herausgab. Der Verlag veröffentlichte die Polizei-Thriller in einem gelben Einband, der schnell zum Markenzeichen für den italienischen Krimi überhaupt wurde. Und so nannte man das in Italien erst spät entstandene Genre „giallo“. Auf einem Blog des Mondadori Verlages können die Ausgaben seit 1929 bewundert werden: http://blog.librimondadori.it/blogs/ilgiallomondadori/ . Im Zweiten Weltkrieg versuchte Mussolini dann die Verbreitung des giallo durch Zensuren einzudämmen: Verbrecher durften nicht länger ungestraft davon kommen und der italienische Held durfte keinen Freitod wählen. Am interessantesten aber ist, dass die Mörder in den italienischen Krimis selbst keine Italiener sein durften. Klar, dass mit den Mördern auch die Kommissare abgewandert sind. Wenngleich es spekulativ bleibt, stellt diese historische Entwicklung des italienischen Krimis doch eine erstaunliche Pointe bereit, nämlich das italienische Kommissare und Gauner fortan aus Deutschland „geschickt“ werden. 1941 ließ Mussolini den giallo dann sogar gänzlich verbieten. Und so war der Krimi in Italien ein lange sehr unbeliebtes Genre. Er hatte es schwer sich erneut durchzusetzen, weil er als anspruchslose und poetisch minderwertige Literatur betrachtet wurde. Es ist schließlich der Verdienst von Andrea Camilleri, den italienischen Krimi in Italien wieder mehrheitsfähig gemacht zu haben, ohne dabei von der italienischen Literaturkritik auseinandergenommen zu werden. Camilleris Commissario Montalbano ermittelt übrigens in einer fiktiven Stadt, die der Geburtsstadt des Autors nachempfunden ist und auf Sizilien liegt. Nicht fiktiv verortet, aber auch nicht ganz aus unserer Zeit sind die gleich drei Kommissare von Carlo Lucarelli: Comissario De Luca ermittelt in den fünfziger Jahren in Bologna, ebenso in Bologna ermitteln Sovrintendente Coliandro und der aus Apulien versetzte Ispettore Grazia Negro. Lucarellis Krimis sind in Mini-Serien vom Fernsehen produziert worden und sind neben einzelnen Filmproduktionen sehr bekannt.
 http://blog.librimondadori.it/blogs/ilgiallomondadori/

Andrea Camilleri steht wie seine Kollegen Carlo Lucarelli und Antonio Mancini in der Tradition des Roman Noir, der sich aktuellen und brisanten Themen zuwendet, Klischees vermeidet, zuweilen innovative literarische Formen entwirft, sich aber ansonsten durch einen gemäßigten Realismus kennzeichnet, der Helden nicht beschönigt, aber den Teufel auch nicht an die Wand malt. Auffällig ist, dass in den letzten Jahren zunehmend Krimis nicht nur von Autoren, sondern auch von Richtern, Staatsanwälten und Polizisten geschrieben werden (z.B. Roberto Riccardi). Das ist ein Phänomen, das man in Deutschland weniger kennt – ausgenommen des Erfolges des Strafverteidigers Ferdinand von Schirach, dessen meist kurzen Geschichten um Schuld und Unschuld auch im Fernsehen erfolgreich sind.

Um die vielen italienischen Krimiautoren in Deutschland noch bekannter zu machen und zugleich zu zeigen, wie viele Übersetzungen italienischer Krimis in den letzten Jahren erschienen sind, schließe ich mit einem kleinen Überblick. Eine Auswahl (chronologisch sortiert)

2000

Carlo Lucarelli: Der trübe Sommer, Ein Fall für Comissario De Luca, Piper 2000.
Andrea Camilleri: Die Form des Wassers: Comissario Montalbanos löst seinen ersten Fall, Bastei Lübbe 2000. (Es erschienen nun jährlich ein Fall des Comissario Montalbano, die hier nicht alle aufgeführt werden, siehe 2015)
Santo Piazzese: Das Doppelleben der M. Laurent, DuMont 2000.
Sandrone Dazieri: Ein Gorilla zu viel, grafit 2000.

2001

Giuseppe Ferrandino: Respekt. Oder Pino und Pentecoste gegen die Maulhelden, Suhrkamp 2001.
Giorgio Scerbanenco: Die Verratenen, Kremayr & Scheriau 2001.

2003

Andrea Isari: Römische Affären, Piper 2003.
Giorgio Scerbanenco: Das Mädchen aus Mailand, btb 2003.
Carlo Lucarelli: Die schwarze Insel, Piper 2003.

2004

Giorgio Scerbanenco: Der lombardische Kurier: Ein Duca-Lamberti-Roman, btb 2004.
Giorgio Scerbanenco: Ein pflichtbewusster Mörder, btb 2004.
Nicolo Ammanti: Ich habe keine Angst, Goldmann 2004.
Carlo Lucarelli: Laura di Rimini, DuMont 2004.

2005

Giorgio Faletti: Ich töte, Goldmann 2005.

2006

Mario Soldati: Die Fälle des Maresciallo, Wagenbach 2006.
Giulio Leoni: Dante und das Mosaik des Todes, 2006.

Gianrico Carofiglio: Reise in die Nacht: Ein Fall für Avvocato Guerrieri 1, Goldmann 2006.
2007

Massimo Carlotto: Arrivederci amore, ciao, Tropen 2007.

2008

Massimo Carlotto: Die dunkle Unermesslichkeit des Todes, Tropen 2008.Gianrico Carofiglio : Im freien Fall: Ein Fall für Avvocato Guerrieri 2, Goldmann 2008.

2009

Leonardo Sciascia: Jedem das Seine. Ein sizilianischer Kriminalroman, Wagenbach 2009.
Maurizio De Giovanni: Der Winter des Comissario Riccardi, Suhrkamp 2009.Gianrico Carofiglio: Das Gesetz der Ehre: EIn Fall für Avvocato Guerrieri 3, Goldmann 2008.

2010

Emma Dante: Mitternacht in Palermo, Luchterhand 2010.Maurizio De Giovanni: Der Frühling des Comissario Riccardi, Suhrkamp 2010.
Massimo Carlotto: Der Flüchtling, Tropen 2010.

2011

Carlo Lucarelli: Schutzengel, Köln: DuMont 2011. 
Sandro Veronesi: XY, Klett-Cotta 2011.
Maurizio De Giovanni: Der Sommer des Comissario Riccardi, Suhrkamp 2011.

2012

Roberto Costantini: Du bist der Böse, Bertelsmann 2012.
Giancarlo De Cataldo, Mimmo Rafele: Zeit der Wut, Folio Verlag 2012.
Massimo Carlotto: Tödlicher Staub, Tropen 2012.
Giorgio Faletti: Der Frauenhändler, Goldmann 2012.

2013

Gianpaolo Sinni: Vater. Mörder. Kind, C. Bertelsmann 2013.
Giorgio Faletti: Falsches Spiel, Goldmann 2013. 

 Massimo Carlotto: Die Marseille-Connection, Tropen Verlag 2013.
Giancarlo De Cataldo: Der König von Rom, Folio Verlag 2013.
Diego De Silva: Meine Schwiegermutter trinkt, Luchterhand 2013.

2014

Carlo Lucarelli: Bestie, Thriller, Folio Verlag 2014.
Maurizio De Giovanni: Das Krokodil, Kindler 2014.
Maurizio De Giovanni: Die Versuchung des Comissario Ricciardi, Insel 2015.

2015

Giorgio Fontana: Tod eines glücklichen Menschen, Nagel und Kimche 2015.
Sandrone Dazieri: In der Finsternis, Piper 2015.
Carlo Bonini, Giancarlo De Cataldo: Suborra. Schwarzes Herz von Rom, Folio Verlag 2015.
Davide Longo: Der Fall Bramart, Rowohlt 2015.
Gianrico Carofiglio: Am Abgrund aller Dinge, Goldmann 2015.
Maurizio De Giovanni: Die Gauner von Pizzofalcone, Kindler 2015.
Maurizio De Giovanni: Die Klagen der Toten: Ein Fall für Comissario Ricciardi, Goldmann 2015.
Marcello Fois: Schwestern: Die alte Geschichte, Wagenbach 2015.  
Andrea Camilleri: Das Lächeln der Signora: Comissario Montalbano lässt sich blenden, Bastei Lübbe 2015.

 

Neuerscheinungen aus dem Italienischen im Dezember 2015

aus der Rubrik "lessico famigliare"

Im Dezember erscheinen nicht viele Übersetzungen aus dem Italienischen, doch das Jahr hat schon viel hervorgebracht und die Vorschauen auf das Frühjahr lassen einiges Erwarten. Seien wir also genügsam und beschäftigen uns noch eine Weile mit den Errungenschaften des Herbstes. Nichts desto trotz seien auch die Neuerscheinungen aus dem Italienischen im Dezember angekündigt:

Umberto Eco: Bekenntnisse eines jungen Schriftstellers, München: dtv, 18. Dezember 2015, 108 Seiten, 8,90 €

“Sein erster Roman Der Name der Rose wurde ein Welterfolg. Das war im Jahr 1980, und Umberto Eco war bereits 57 Jahre alt. Als Mensch nicht mehr ganz jung, als Romanautor ein Debütant. Der »junge Schriftsteller« ist heute ein Meister, der über die Kunst des Romans und die Kraft der Worte aus langer Erfahrung spricht.” (dtv Verlag)Mehr Informationen zu Autor und Werk unter http://www.dtv.de/autoren/umberto_eco_142.html


Antonio Manzini: Die Kälte des Todes, Berlin: Rowohlt, 18. Dezember 2015, 9,99 €„Rocco Schiavone ist nicht gerade das, was man einen vorbildlichen Polizisten nennen würde. Er ist unverschämt, er verabscheut seinen Beruf – und es ist keine gute Idee, ihn vor seinem morgendlichen Joint anzusprechen. Seit der Rämer in das verschneite Aosta-Tal strafversetzt wurde, ist seine Laune so düster wie der Himmel über den Bergen. Aber als eine junge Frau erhängt in ihrer Wohnung aufgefunden wird, ist Roccos Spürsinn geweckt. An Selbstmord glaubt er nicht: Blaue Flecken und Schürfwunden legen nahe, dass Ester Baudo gequält wurde. Ein Fall, der dem abgebrühten Ermittler unter die Haut geht. Und ihn zwingt, sich dem zu stellen, was er am meisten fürchtet: seiner Vergangenheit.“ (Rowohlt Verlag)

Weitere Informationen zu Autor und Werk: http://www.rowohlt.de/taschenbuch/antonio-manzini-die-kaelte-des-todes.html


Marcello Simoni: Der Händler der verfluchten Bücher, Historischer Thriller, München: Goldmann Verlag, Dezember 2015, 368 Seiten, 9,99 €

“Venedig 1218: Eine geheimnisvolle Handschrift steht im Zentrum einer tödlichen Intrige. Der Reliquienhändler Ignazio da Toledo erhält den Auftrag, das gefährlichste Buch der Welt zu beschaffen. Nur im Besitz dieses Buches kann sich der Auftraggeber zum Herrscher des Universums erheben. Zusammen mit dem Franzisen Willalme und dem jungen Schreiber Uberto macht sich Ignazio auf eine abenteuerliche Reise auf der Suche nach der Handschrift. Doch sie sind nicht die einzigen auf der Jagd nach dem gefährlichsten Buch…” (Goldmann Verlag)

Weitere Informationen zu Autor und Werk: http://www.randomhouse.de/Taschenbuch/Der-Haendler-der-verfluchten-Buecher-Historischer-Thriller/Marcello-Simoni/e453777.rhd

Folge 9: Palermo Soundtrack – “Die Gesichter der Toten” von Petra Reski

Ein Buch und eine Meinung, Petra Reski

Unermüdlich arbeitet die Staatsanwältin Serena Vitale in ihrem zweiten Fall gegen die Macht der Mafia in Italien und Deutschland.

„Palermo Soundtrack“ – das ist, so beschreibt es Reski in ihrem neuen Mafia-Krimi, die Mischung aus der Blasmusik einer langsam voranschreitenden Prozession und dem Sirenengeheul sich jagender Autos in den Straßen von Palermo (S. 101). Zum Palermo Soundtrack gehören für die Staatsanwältin Serena Vitale aber auch die nicht endende Reihe von Abhörprotokollen und Verhören auf der Jagd des Mafia-Bosses Alessio Lombardo. Literarisch betrachtet ist auf den ersten Blick die Bewältigung jener Abhörprotokolle so langweilig wie das Gespräch Serenas mit ihrem Kollegen Paolo De Lucas über die Kaschmirpullover des inhaftierten Mafia-Mitglieds Domenico Cataldo, des Handlangers Lombardos. Auf den zweiten Blick aber sind gerade die Abhörprotokolle das höchst realistische Sinnbild für die Ödnis des Kampfes gegen eine Mafia, die nicht in schwarzen Lederjacken Schutzgelder erpresst, sondern in feiner Wolle große Geschäfte macht. Darüber hinaus symbolisieren Protokolle, Transkriptionen, Dokumente, Arbeitsbesprechungen, Telefongespräche, Verhöre das Spiel von An- und Abwesenheit, das die Mafia mit ihren Gegnern spielt. Es ist die Anwesenheit in der Abwesenheit, die charakteristisch für die Jagd Lombardos ist, denn dieser ist während des gesamten Romans physisch gänzlich abwesend. Allein die Abhörprotokolle und die Verhöre seines Komplizen Cataldos, der sich mit seinem Abschiedsbrief am Ende schließlich auch in die abwesende Anwesenheit bzw. anwesende Abwesenheit verabschiedet, verschaffen ihm eine indirekte Präsenz. Die Suche nach Lombardo, so ahnt der Leser schnell, bleibt bis zum Schluss erfolglos.

Doch so einfach ist Reskis Mafia-Krimi eben auch nicht angelegt. Denn hier geht es um mehr als um einen Täter, der von seinen Opfern bzw. ihren öffentlichen Repräsentanten gejagt und am Ende eben auch wie in jedem erfolgreichen Krimi geschnappt wird. Und so stößt Serena Vitale bei ihren Ermittlungen nicht nur auf bürokratische Hindernisse,  Lombardos gesellschaftliche und wirtschaftliche Verstrickungen aufzudecken, um ihn einzufangen, sondern auch auf die Leerstellen ihrer eigenen Vergangenheit bzw. der ihres Vaters im Ruhrgebiet. Neben dem Palermo Soundtrack spielt in diesem Krimi auch die Musik der deutschen Heimat. In Dortmund aber ermittelt man nicht gegen Cataldo und den Clan um Lombardo, weil man die Ansicht vertritt, dass es in Deutschland gar keine Mafia gäbe. In Deutschland hat sich die Mafia in den letzten zwanzig Jahren ungestört entwickeln können. Bis heute arbeitet ihr dabei der deutsche Staat durch ein mangelndes Strafrecht zu. Weder ist die Mitgliedschaft in einer Mafiaorganisation strafbar, noch ist es erlaubt, Lokale und Wohnungen von bekannten Mafiaführern abzuhören. Und wie weit die Bestechung der deutschen Verwaltungsbeamten und Behörden durch die Mafia geht, ist ein Tabuthema. „In Deutschland wird die Mafia immer noch gern als eine Art folkloristische Erscheinung des italienischen Südens betrachtet. Sie ist sehr weit weg. Es geht uns nichts an.“ (Ulrich Ladurner, ) „Die Mafiaorganisationen machen in Deutschland seit Jahrzehnten beste Geschäfte. Das ist bekannt.“ (Roberto Saviano) (beide in Die Zeit, 15.10. 2015, Nr. 42, S. 51-52).

Und so führen die Spuren auch Serena Vitale zwar immer wieder nach Deutschland, bleiben aber kaum greifbar. Serena Vitale wird es folglich nicht leicht gemacht. Nachdem ihr auch noch die Prozessführung genommen wird, bleibt am Ende jedoch noch ein ganz existentieller Sieg: In Die Gesichter der Toten stirbt die Staatsanwältin Serena Vitale nicht und sicher nicht nur, weil sie noch weitere Fälle zu bestreiten hat. Reski widmet ihren Krimi dem Antimafia-Staatsanwalt Rosario Livatino (1952-1990), der als erster auf die Geschäfte der Mafia in Deutschland aufmerksam machte und der von der italienischen Mafia in Deutschland ermordet wurde. Die Gesichter der Toten sind die der Staatsanwälte und all jener, die in den Kampf gegen die Mafia gezogen sind. Doch Serena Vitale ist quicklebendig.

Petra Reski im ARD-Forum auf der Frankfurter Buchmesse 2015

Betrachtet man die zahlreichen Gespräche, das ständige Reisen und die Abhörprotokolle von denen dieser Krimi erzählt in ihrem Kontext, wird schnell klar, dass Reski mit ihnen eine Realität beschreibt, die literarisch deshalb nicht langweilig ist, weil sie Teil einer journalistischen Ethik sind: Aufklärung, der vehemente Drang, das tot geschwiegene zur Aussprache zu bringen, an den Dingen zu rühren, die aus Bequemlichkeit und Feigheit, Egoismus und Gier allzu oft lieber nicht angetastet werden. Dass Reski dabei Fakten in ein fiktives Gewand kleidet, liegt an den Vorfällen der vergangenen Jahre. Bei einer Lesung aus ihrem Sachbuch Von Carmen nach Korleone in Erfurt erhielt sie 2010 öffentliche Drohungen. 2008 musste sie infolge eines Gerichtsprozesses Passagen aus ihrem Buch Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern schwärzen. Es ist folglich nicht ungefährlich über die Mafia zu schreiben, v.a. wenn so genau und umfangreich recherchiert worden ist wie im Falle von Petra Reski. Dass ihre jahrzehntelange Arbeit gegen die Mafia für die Mafia bedrohlich ist, liegt an ihrem journalistischen Realismus, der auch ihre fiktiven Krimis kennzeichnet. Statt zu dramatisieren und zu übertreiben, statt sich in Grusel und Action zu ergießen – gegen diese Art popularisierende Darstellung hätte die Mafia nichts einzuwenden – bleibt Reski bei Fakten und Realitäten. Dass sie also Abstriche im Bereich Action macht, kann durchaus auch als Statement der Autorin gelesen werden.

Es geht in ihrem Roman folglich nicht so sehr um die Mafia an sich als vielmehr um den mühsamen und bürokratischen Kampf gegen die Mafia in Italien und Deutschland. Dabei nimmt sie auch den Einfluss der Presse auf die Darstellung der Mafia und der Justiz in der Öffentlichkeit kritisch und durchaus ironisch in den Blick. Unterhaltsam konterkariert Reski über die Figur des Journalisten Wolfgang W. Wieneke die Welt des Journalismus als eitel, effizienzgesteuert, nicht immer frei und dafür manchmal eher träge. Medien sind nicht unbestechlich und machen zuweilen aus Verbrechern neue Figuren von Facebook-Fanseiten. Dass erfährt auch Wieneke, der sich gegen seine (jüngeren) Kollegen nicht mehr zu behaupten vermag, sich schließlich von seiner Anstellung bei FAKT lossagt, sich selbständig macht und im Alleingang in die erste Liga des Enthüllungsjournalismus katapultiert. Wieneke gelingt sein Neuanfang letztlich, weil er an der story „Jützenbach“ drangeblieben ist, weil er tatsächlich „hart“ recherchiert hat, ebenso unermüdlich wie Serena Vitale ihren Fall verfolgt. Hans-Ulrich Jützenbach ist ein deutscher Unternehmer in der Windenergie-Branche, der in Italien Windparks baut. Doch auch er ist letztlich nicht zu kriegen.

Aus rein poetischer Perspektive ist Reskis Krimi weder eine stilistische Überraschung, noch ein literarisches Kleinod. Doch eines wird dem Leser auch schnell klar: die Autorin ist, so wie es der Erzähler über seine Figuren sagt, „poetisch infiziert“: „Hier waren offenbar alle poetisch infiziert, Polizisten und Staatsanwälte, Mafiosi und ihre Strohmänner.“ (119) Poetisch infiziert, dass sind z.B. die Operationen, denen die Polizisten und Staatsanwälte Namen geben wie „Fallen Icarus“. Poetisch infiziert, so möchte man auch Petra Reski nennen, die sich mit ihrem Krimi auf eine Gratwanderung zwischen Realität und Fiktion begibt und dabei die Fiktion nutzt, um die Realität noch genauer zu zeichnen als es ein rein journalistischer Text vermag. Die Fiktion erzählt nämlich auch, was zwischen den Zeilen steht. Dies wird gleich auf der ersten Seite des Krimis erkennbar, die die Protagonisten Serena Vitale einführt:

Sie glitt durch Palermo wie in einem U-Boot. Vorbei an den Kuppeln der Chiesa degli Eremiti und an einem halbverrotteten Prozessionswagen der Santa Rosalia, vorbei an dem riesigen Ficus, der seinen Schatten über Madonnenbilder mit verblichenen Plastikrosen warf, vorbei an dem marmornen Gedenkstein für ein kleines Mädchen, das von seinen Eltern ermordet worden war.

      Durch das getönte Panzerglas sah die Stadt schwarzweiß aus, mit leichtem Blaustich. Es war, als wäre der Ton abgestellt worden. Kein Reifenquitschen, kein Vespaknattern, kein Kirchengeläut drang in das Innere. Auch kein Geruch. Nicht der warme Atem Afrikas, wenn es geregnet hatte. Nicht der Dunst des Meers, nicht die Fäulnis. (S. 7)

 

Die Exposition ist atmosphärisch, sie ist dicht und ausdrucksstark in ihrer Perspektivierung. Die Protagonisten erfährt ihre Umgebung Palermo wie in einem U-Boot. Ihr U-Boot ist in Wirklichkeit der Lancia, mit dem sie beruflich durch die Gegend chauffiert wird. Dabei erlebt Serena Vitale nicht nur Palermo wie durch ein U-Boot, sondern auch sich selbst – irgendwie abgeschirmt, dumpf, unerreichbar. Entsprechend versucht die Staatsanwältin so oft sie kann in eine andere Realität zu flüchten, die ihres Geliebten. Es ist die Suche nach einem normalen Leben, einem Leben ohne Kameras und Justiz, ohne Gewalt und  Verfolgung. Die Geschichte um ihre Affäre ist jedoch so dünn, dass sie lange ganz aus dem Auge gerät, bis sie am Ende wieder nützlich wird. Andererseits erlaubt die Randständigkeit dieser Affäre es, sie am Ende unaufgelöst zu lassen. Reskis Figurenzeichnungen und Ortsbeschreibungen knüpfen zwar hier und da an jenen poetischen Ton des Anfangs wieder an, lassen ihn aber oft allzu schnell wieder fallen. Z.B. wenn sie ansetzt, das Meer zu beschreiben oder die Ödnis italienischer Landstraßen, wenn der Leser nicht nur mit der Protagonisten zu denken, sondern auch zu fühlen anfängt. Das ist schade, denn da geht noch viel mehr. Lesen wir noch einmal ein Stück:

 

Sie fuhren über eine Ausfallstraße an Palermo vorbei, und Wieneke bedauerte, von der Stadt nicht mehr zu sehen als Unterführungen und Umgehungsstraßen, Betonsilos und Baumärkte. Am Ende kamen sie an einem sandfarbenen Ort mit würfelförmigen Häusern an. Am Straßenrand nichts als vertrocknete Palmen, Plastiktüten und Pappkartons. Das Licht war dunstig, vielleicht auch einfach nur verstaubt wegen des Sands, der immer noch durch die Luft wirbelte und den Blick auf das Meer trübte. Eine Betonmauer ragte wie ein Finger in das Meer, daneben ein Strand mit halbverrotteten Booten, explodierten Wassermelonen, leeren Lenorflaschen und haufweise Kondomen. (…) (S. 27)

 

Diese Landschaftsbeschreibung setzt allen romantisierenden Italien-Fiktionen die tatsächliche Realität entgegen. Diese Ambivalenz zwischen Traum und Wirklichkeit treibt auch Wienekes Persönlichkeit um, der in seiner Vorstellung immer irgendwie will und in der Wirklichkeit nicht kann. Doch vielleicht ist es gar nicht die Absicht der Autorin über ihre poetischen Ansätze, die in ihren Beschreibungen verborgen liegen, hinauszugehen und auf jeden Fall schützt sie das vor dem Abgrund all jener Klischees rund um die Mafia und Italien, die weder dem Thema, noch dem rationalen Geist der Protagonistin Serena Vitale sowie demjenigen der Autorin entspricht.

 

In den Interviews in Funk und Fernsehen erleben wir Petra Reski als eine Persönlichkeit, die klar, realistisch und pragmatisch ist. Reski lässt sich nicht einschüchtern, sie hadert nicht mit sich. Sie weiß, was sie will und wer sie ist. Reski ist keine Romantikerin, aber auch keine Schwarzmalerin. Reski bleibt optimistisch, allerdings unter der Voraussetzung, dass die deutsche Öffentlichkeit den Tatsachen ins Auge sieht – ob auf einem fiktionalen oder non-fiktionalen Weg. Dieser Realismus, den Petra Reski als Person vertritt, durchzieht auch ihren Text. Manchmal droht Reski den Leser dabei etwas zu verlieren. Dann folgen auf Gespräche zwischen Ermittlern zu viele weitere Ermittler, dann lesen wir zu ausführlich von den Flügen, die der Journalist Wieneke und die Staatsanwältin Serena zwischen Italien und Deutschland unternehmen. Der Krimi besteht aus insgesamt 55 kurzen Kapiteln, die allein durch ihre Kürze der Langsamkeit der Ermittlungen ein erfrischendes Tempo entgegensetzen. Tempo und Spannung erreicht der Text durch das so erzeugte zügige Abwechseln unterschiedlicher Handlungsstränge. Da ist die Handlung um die ermittelnde Staatsanwältin Serena Vitale und ihrer Kollegen Paolo De Luca, Catina, ihren Chef Di Salvo sowie ihrer Leibwächter. Parallel dazu folgt der Leser Wienekes journalistischen Recherchen, bei denen er neben seinem Vorgesetzen Tillmann und dem Unternehmer Jützenbach v.a. mit seiner Freundin Francesca unterwegs ist. Schließlich gibt es noch einen dritten Handlungsstrang, in dem sich Antonio Romano, ein Mitarbeiter Serenas, verkleidet, um sich Inkognito mit dem Mafia-Mitglied Arena zu treffen, Insiderinformationen zu erhalten und die Überführung Lombardos zu planen. Spannende Unterhaltung erzeugen aber auch manche unerhörte Begebenheiten, mit denen der Leser nicht rechnet. Denn dass Lombardo nicht gefasst wird, ist längst nicht das einzige Ereignis, auf das dieser Krimi zusteuert. „Palermo Soundtrack“ ist nicht nur Schlüsselwort für eine Stimmung, sondern auch für die Handlung, die manchmal etwas mühsam vorangeht und dann wieder rasend schnell an Tempo gewinnt.

Spannung zwischen Realität und Fiktion erzeugen auch die gewählten Namen. Der Name der Protagonistin Serena Vitale lädt zu einer trickreichen Parallele ein. Die ehemalige Mafia-Chefin Giuseppina Vitale hat zusammen mit Camilla Costanzo 2010 ihr Leben in der Mafia aufgeschrieben: „Ich war eine Mafia-Chefin: Mein Leben für die Cosa Nostra“. Damit autorisiert sie ihre Protagonistin Serena Vitale als absolute Mafia-Kennerin und zugleich beglaubigt Petra Reski damit ihre eigene Arbeit als Autorin, die nicht aus einer unbeholfenen Fremdperspektive erzählt. Petra Reski kennt sich nicht nur gut, sondern sehr gut aus. Ob diese Namensparallele Zufall oder Berechnung ist, ist rein spekulativ, solange wir Petra Reski dazu nicht befragt haben. Dasselbe gilt für eine zweite Parallele: Die Nebenfigur Cataldo, der Assistent des im Roman gesuchten Mafia-Bosses Alessio Lombardo, trägt denselben Namen wie ein italienischer Krimiautor: Giancarlo De Cataldo. Petra Reskis Die Gesichter der Toten ist von größter Brisanz, dabei eine unterhaltsame und spannende Lektüre, man will auf jeden Fall mehr, mehr Serena Vitale und mehr “Palermo Soundtrack”.

 

Bevor Reski ihre Krimiserie mit Palermo Connection 2014 eröffnete, erschienen von ihr zur italienischen Mafia folgende Titel: Von Kamen nach Korneole. Die Mafia in Deutschland, Hoffmann & Campe 2010; Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern, Droemer Knaur, 2008; Der Italiener an meiner Seite, Droemer Knaur 2007: Rita Atria. Eine Frau gegen die Mafia, Hoffmann & Campe 1994. Im Jahre 2008 wurde sie vom „medium. magazin für Journalisten“ als „Reporterin des Jahres“ ausgezeichnet und 2010 erhielt sie den Emma-Journalistinnen-Preis. Reskis Bücher beschäftigen sich außerdem mit ihrer Wahlheimat Venedig, ihrer ersten Heimat und Herkunft des Ruhrgebiets und ihrer Familiengeschichte. Heute sei ihr jüngster Krimi empfohlen:

Petra Reski: Die Gesichter der Toten, Serena Vitales zweiter Fall, Hamburg: Hoffmann & Campe 2015, 320 Seiten, 20,00 €

Wer Petra Reski jetzt gerne persönlich kennenlernen möchte, findet auf meiner Facebook-Fanpage https://www.facebook.com/Italienreport/die Termine aller Lesungen von Petra Reski im November in Deutschland.