Folge 8: Italienreport: ein deutsch-italienisches Magazin oder „Liebe kann man nicht erklären“

Online con „Il Piacere di Scrivere“, Teil I

von Rike Römhild
 

Von den Bäumen hört man es manchmal schon wieder zwitschern, die Sehnsucht nach dem Frühling wird langsam wieder wach. Ein erstes Frühlingserwachen hat Italienreport bei Twitter erlebt, als die Gründerin und Redakteurin Annarita Faggioni von Il Piacere di Scrivere mit Italienreport in Kontakt getreten ist, um das Magazin auf ihren Seiten zu präsentieren. Und nun können wir es zwitschern: Es ist so weit. Unter diesem Link ist Italienreport mit einer eigenen italienischen Präsentation online gegangen. Folgt ihr dem Link, gelangt ihr zur italienischen Originalversion. Original? Das ist Italienreport auch auf Deutsch. Wer also der italienischen Sprache nicht mächtig ist, der darf trotzdem mit zwitschern. Gleich im Anschluss findet ihr die deutsche Version des Artikels! 

Viel Spaß und allen ein fröhliches Frühlingserwachen wünscht Italienreport!

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Italienreport:
magazine tedesco-italiano o lamore non si spiega“

 

Dagli alberi si sente a volte di nuovo cinguettare gli uccelli e la nostalgia di primavera sveglia lentamente. Italienreport ha vissuto un primo risveglio della primavera da Twitter quando la fondatrice e redattrice Annarita Faggioni di Il Piacere di Scrivere ha contattato Italienreport per presentare il magazzino al suo sito. E adesso possiamo cinguettarlo: È giunta l’ora! Su questo LINK Italienreport è andato online con una propria presentazione italiano. Seguete il link, giungete alla versione italiana originale. Originale? Questo è Italienreport anche in tedesco. Chi non è possente della lingua italiana, comunque potrebbe cinguettare con noi. In seguito trovate l’articolo nella versione tedesca!

Buon divertimento e tutto un allegro risveglio della primavera auguratevi Italienreport! 

 
 
“Italienreport”: ein deutsch-italienisches Magazin oder 
„Liebe kann man nicht erklären“

 

„Liebe kann man nicht erklären…“ ist der Titel eines Liedes von Sergio Cammariere, den ich – eure Redakteurin von Italienreport – kennenlernte als ich ein Jahr in Italien lebte, um die Literatur und den Film des italienischen Neorealismus zu studieren und zu erforschen. Und ich kann meine Liebe zu Italien, die wie mir scheint, schon immer existiert, nicht erklären. Die Liebe zu Italien ist mit jeder Reise nach Italien, die ich in meinem Leben unternommen habe, gewachsen und sie endet nie, so wie es auch die Hauptfiguren im gleichnamigen Film von Roberto Rossellini lernen. Und diese Liebe ist nicht nur für mich eine alte Liebe, sondern auch für die Beziehungen zwischen Deutschland und Italien im Allgemeinen, die bereits im Fränkischen Reich begonnen haben und die sich seit dem Mittelalter bis heute entfalten. Diese unendliche Sehnsucht ist der persönliche, aber auch historische Motor für das Online-Magazin, das sich Italienreport nennt und das die Germanistin und Künstlerin Friederike Römhild im Herbst 2014 gegründet hat. Für Italienreportist es möglich, diese lange Chronik einer Liebe zu dokumentieren, weil das Medium Blog eine fließende, offene und flexible Form für alle historischen, kulturellen und literarischen Ereignisse anbietet.

Es gibt verschiedene Rubriken, in denen Artikel, Rezensionen, Gedichte, Erzählungen, Filme, Bilder, Zeitschriften, Ereignisse präsentiert werden, die das italienische Leben behandeln – dasjenige in Italien und jenes in Deutschland. Die Struktur und die Namen der Rubriken sind durch die italienische Kultur selbst inspiriert: Das Lessico famigliare (Familienlexikon) berichtet zum Beispiel von den Neuerscheinungen und der Titel erinnert zugleich an das gleichnamige Hauptwerk (1963) von Natalia Ginzburg. Die Rubrik erinnert daran, dass Italien und Deutschland eine familiäre Freundschaft verbindet, die Italienreportkultivieren und dokumentieren möchte wie es bereits Alfred Andersch in Deutschland gemacht hat und durch den die Rubrik Ein Buch und eine Meinung – Titel einer Radiosendung der fünfziger Jahre –, inspiriert ist, um Buchrezensionen zu präsentieren. In der Rubrik „Cronaca di un amore“ findet man eine Sammlung der Geschichte der deutsch-italienischen Freundschaft wie sie durch die Politik, Wirtschaft, Kultur und das Alltagsleben konstituiert wurde. Der Titel Cronaca di un amore ist auch der Titel eines Films des Regisseurs Michelangelo Antonioni (1950). Auf dieselbe Weise erinnert auch die Rubrik „Conversazione a…“ an den Roman Conversazione in Sicilia(1941, Gespräch in Sizilien) des großen Autors Elio Vittorini und versammelt thematische Beiträge und Interviews. Diese Rubrik hat die Fähigkeit die medialen Wege diese Freundschaft zu reflektieren, zum Beispiel die Arbeit, die das Verlagshaus Klaus Wagenbach in Berlin seit 1964 betreibt. Die Zeitschriften wie z.B. „Zibaldone“ von Thomas Bremer und Titus Heydenreich , die seit 1986 erscheint, reflektieren die bilateralen Beziehungen ebenso. Wichtig sind z.B. auch die Beiträge von Franca Magnani, die Redakteurin für verschiedene deutsche Zeitungen in den fünfziger Jahren war und in den sechziger Jahren Korrespondentin für den deutschen Sender ARD. Italienreport stellt so die Frage, warum wie die Dinge von Italien wissen, die wir wissen. Ans Licht kommt so zum Beispiel, dass man in Deutschland sehr viele italienische Krimis liest, aber noch nicht sehr viel die italienische Lyrik, die neben Bildern in der Rubrik „giornale poetico“ präsentiert wird. Die Idee ist, auch diese medialen Strukturen der deutsch-italienischen Freundschaft zu reflektieren und die auch noch eher unbekannten Bereiche der italienischen Kultur sichtbar zu machen.

Also, Italienreport ist ein deutsches Magazin, dass sich mit den Beziehungen zwischen der italienischen und deutschen Literatur und Kultur beschäftigt und zwar im multimedialen, dokumentarischen und reflexiven Sinne. Die Vision von Italienreport ist ein öffentliches Archiv und ein literarisches und künstlerisches virtuelles Museum zu werden. Das Ziel wird sein, den Diskurs zwischen Italien und Deutschland mehr und mehr zu öffnen und die produktiven Prozesse zwischen den Ländern auch auf der verlegerischen Ebene weiterzuentwickeln. Das heißt, das Magazin versucht auch die Produkte und Zeugnisse der italienischen Kultur bekannt zu machen, die noch nicht Eingang in die Verlagshäuser und die Kunstausstellungen in Deutschland gefunden haben. Das Magazin ist so auch ein Laboratorium für neue Künstler, Debütanten und Autodidakten im digitalen und analogen Bereich. Sie können so schon heute in die kulturelle Tradition zwischen Italien und Deutschland eintreten. Italienreportmöchte eine moderne Agentur für die verschiedenen Farben der Liebe sein, die sich nicht erklären lässt, weil sie einfach ist.

Italienreport ist gemacht für alle, die diese Liebe für Italien teilen möchten, aber ebenso die Realität beider Länder. Für alle, denen die deutsch-italienische Freundschaft viel bedeutet und die diese Beziehung vorantreiben möchten. Gemacht für alle deutschen und italienischen Künstler, Autoren, Intellektuelle, die ihre Werke und ihre Gedanken in Italien oder in Deutschland präsentieren möchten. Für alle, die ein Netzwerk von Kontakten suchen und eine Plattform, um die Stereotypen, die Metaphern, die Traditionen, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede dieser beiden Länder zu kommunizieren. Italienreport möchte eine freie Brücke sein, die alle Interessierten überqueren können.

Serenissima

Giovanni Antonio Canal (genannt Canaletto), Canal Grande in Venedig, Blick nach Norden, aus der Nähe der Rialto Brücke, 1741/43, Öl auf Leinwand, Wallraff-Richartz-Museum & Foundation Corboud, Köln (Foto: © Rheinisches Bildarchiv, Köln)

Venedig zu Besuch im Wallraf-Richartz-Museum in  Köln

Bernardo Bellotto, Canal Grande in Venedig, Blick von der Rialto-Brücke nach Südwesten, um 1738/42, Öl auf Leinwand, Stiftung Sammlung E. G. Bührle, Zürich (Foto: SIK-ISEA, J.P.Kuhn)

„Serenissima“ war Beiname der Republik Venedig, verkürzt aus dem offiziellen Staatstitel La Serenissima Repubblica di San Marco (Die allerdurchlauchteste Republik des Heiligen Markus). Die beiden Bilder sind noch bis zum 12. Februar 2017 im Wallraf-Richartz-Museum in Köln zu sehen. Die aktuelle Sonderausstellung „Von Dürer bis Van Gogh“ präsentiert die Kunstsammlung Wallrafs im Vergleich zur Sammlung Bührle, eine der wichtigsten und größsten Kunstsammlungen europäischer Malerei, die vom Industriellen Emil Bührle Mitte der 1920er Jahre begonnen wurde. Aufgrund des Zweiten Weltkrieges wechselte der Sitz der Sammlung von Pforzheim nach Zürich, wo sie heute im Besitz der durch die Nachkommen geführten Stiftung E. G. Bührle ist. Die Kölner Ausstellung führt diese beiden Sammlungen nun vergleichend zueinander und deckt dabei nicht nur Parallelen der Sammlungsgeschichte (wie in diesem Beispiel) auf, sondern auch Parallelen in der Produktionsgeschichte der Künstler selbst, insofern künstlerische Positionen des 19. und 20. Jahrhunderts zugleich als Auseinandersetzungen mit der älteren ästhetischen Tradition ansichtig werden.

Die beiden Darstellungen von der berühmten Rialto-Brücke in Venedig stehen noch in der Atmosphäre des Venedigs, das bis Ende des 18. Jahrhunderts eine weitreichende See- und Wirtschaftsmacht war, die der Adelsrepublik viel Reichtum bescherte.

Neben den Veduten Venedigs fertigte Bernardo Bellotto ebenso wie sein Onkel Canaletto (= Familie da Canal), auch zahlreiche Veduten anderer Städte, v.a. Wien, Warschau und Dresden an. Der Realismus der Darstellung war Produkt des Herstellungsprozesses: mithilfe der camera obscura“ stellte Canaletto viele kleinere Zeichnungen her, die schließlich durch Vergrößerungen zu einem großen Gesamtbild zusammengefügt wurden. Während sein Onkel die Stadtansichten gewissermaßen aufräumte, um Idealbilder der Städte darzustellen, bezog Bellotto auch tägliche Aspekte des Lebens in seine Bilder mit ein. Die kleineren Veduten ersetzten gewissermaßen die Postkarte, die es als Medium damals noch nicht gab.

Bernardo Bellotto, Dresden vom rechten Ufer unterhalb der Augustbrücke,1748, Öl auf Leinwand, Gemäldegalerie Alte Meister, Dresden

Von Antonio Canal stammt auch das Gemälde Dresdens, das den so genannten „Canaletto-Blick“ auf Dresden zeigt. Eine Spur also, die die deutsch-italienische Freundschaft als Wahrnehmungsgeschichte belegt und begründet.

Abbildungen:

Abb. 1 und 2: http://www.koeln.de/bilder/kategorie/diverses/galerie/duerer-bis-van-gogh/
Abb. 3: http://skd-online-collection.skd.museum/de/contents/show?id=135387#longDescription

Venezia in visita da Wallraf-Richartz-Museo a Colonia

„Serenissima“ è il soprannome della Repubblica Venezia, abbreviato dal titolo officiale dello Stato “La Serenissima Repubblica di San Marco). Si può vedere i due quadri ancora fino il 12. febbraio 2017 in Wallraf-Richtartz-Museum a Colonia. L’esposizione attuale „Von Dürer bis Van Gogh“ presenta la collezione d’arte di Walraff in paragone colla collezione di opere d’arte di Bührle, uno delle collezione di opere d’arte più importante e grande della pittura europea, che ha cominciato l’industriale Emil Bührle in mezzo agli anni venti del Novecento. In causa della seconda guerra mondiale il posto della collezione è cambiato da Pforzheim a Zurigo, dov’è oggi nel possesso della fondazione E. G. Bührle che hanno fondato i discendenti. L’esposizione di Colonia far incontrare in modo comparativo queste due collezioni di opere d’arte e fa vedere non solo i paralleli della storia delle collezioni (come in questo esempio), ma anche i paralleli della storia di produzione dei artisti. In questo senso si può osservare nell’esposizione anche i posizioni artistici del Otto- e Novecento in confronto colle traduzioni estetici più vecchi.

Le due rappresentazioni del famoso ponte di Rialto a Venezia fanno vedere ancora l’atmosfera di questa Venezia che fino il fine del Settecento era un’ ampia potenza navale ed economica che riserva tanta dovizia alla Repubblica gentilizia. Accanto delle vedute di Venezia Bernardo Bellotto fabbrica come il suo zio Canaletto (= famiglia da Canal) numerose vedute di altre città, soprattutto Vienna, Varsavia e Dresda. Il realismo della rappresentazione era il prodotto del processo di fabbricazione: tramite la “camera obscura” Canaletto faceva alcuni piccoli disegni che erano connessi di un quadro complessivo attraverso i suoi ampliamenti. Durante il zio per dire così ha messo in ordine le vedute di città per creare i visti ideali delle città, Bellotto ha fatto vedere anche la vita quotidiana nei suoi quadri. Le più piccole vedute hanno sostituito le cartoline postale che non erano ancora inventate come un medio.

Anche il quadro di Dresda discende da Antonio Canal. Lo fa vedere il cosìdetto „sguardo di Canaletto“ su Dresda. Allora una treccia che spiega e dimostra l’amicizia tedesca-italiana anche come una storia della percezione.

Abbildungen:
Abb. 1 und 2: http://www.koeln.de/bilder/kategorie/diverses/galerie/duerer-bis-van-gogh/
Abb. 3: http://skd-online-collection.skd.museum/de/contents/show?id=135387#longDescription

 

Natalia Ginzburg: „Winter in den Abruzzen oder Orangen im Exil“

http://www.abruzzen-online.de/de/erlebnistour/top-winter-angebot

 

In der Erzählung „Winter in den Abruzzen“ von Natalia Ginzburg passiert zunächst nicht viel und doch eine ganze Menge. Eine Familie lebt im Zweiten Weltkrieg im Exil in den Abruzzen. Mehr geschieht zunächst nicht. Doch die Begegnungen mit den Einheimischen, ihrem Aussehen ebenso wie ihren Angewohnheiten und Charaktereigenschaften, ihren Fragen und ihren Antworten füllen nicht nur die Tage, sondern tauen auch die Fremdheit zu ihnen und ihrem Lebenswandel auf. Die Isolation der Exilanten von der eigenen Identität – dem Leben in der Stadt, dem dortigen Alltag und seiner erblindenden Normalität – macht besonders aufmerksam auf menschliche, zwischenmenschliche Schicksale und Tugenden, auf die Kreisläufe und Verläufe des Lebens der Einheimischen wie auch des eigenen Lebens.

Das Exil entpuppt sich so als der Ort, an dem das neue Leben ebenso wie das Heimweh geboren werden. Das Heimweh schickt die verbannten Seelen in eine zweite Isolation, nämlich nicht nur die vom eigenen Leben, sondern auch die vom Leben der Anderen, der Fremden, bei denen sie Schutz erhalten und von denen sie als Heimatverlorene immer getrennt bleiben. Es tut weh, an zuhause zu denken und es tut genauso weh, nicht daran zu denken. „Zuweilen aber war das Heimweh stechend und bitter, es wurde zum Haß.“, heißt es in Ginzburgs Winter in den Abruzzen. Die Gefühle der Exilanten kommen an ihre Grenzen genau wie die städtischen Lebenszentren an ihre Ränder, die Peripherie der Berge, verschoben werden. Die gerade neu anvertrauten Freunde und Nachbarn werden in den Momenten des Heimwehs wieder zu Fremden des alten Lebens. Auf die Grenzüberschreitung folgen also weitere Grenzen, die inneren wie die äußeren, die zwischen Herberge und Verlorenheit, Gemeinschaft und Einsamkeit, zwischen Winter und Sommer, Leben und Tod, Krieg und Frieden, die immer wieder neu beschritten und ausgehandelt werden müssen.

Die rohe, aber auch idyllische Erinnerung an die Verbannung der Familie in ein Bergdorf in den Abruzzen wird durch ein jähes Ende in die Realität – die Zeitgeschichte des Zweiten Weltkrieges – zurückgeschleudert, als die Ermordung des Ehemannes durch die Nazis in einem römischen Gefängnis erzählt wird. Spätestens hier ist klar, dass Ginzburg  von ihrer eigenen Lebensgeschichte mit ihrem Mann Leone Ginzburg, dem Widerstandskämpfer und Mitbegründer des Einaudi Verlages in Turin, den sie 1938 heiratete und mit dem sie 1940 in die Abruzzen verbannt wurde, berichtet. Ihre Verbannung sollte gewährleisten, dass der Faschistisierungsprozess der italienischen Gesellschaft durch Benedetto Mussolini nicht gefährdet wurde. Spätestens jetzt wird ebenso klar, dass auch das Exil, in dem das junge Paar im Winter Orangen bei Girò kaufte, ein der Vergangenheit angehörendes Paradies der Familie war, in dem die Träume, Hoffnungen und Glaubensbekenntnisse an eine neue Zukunft, die sie einst im Exil begleiteten, ebenso unwiederbringlich sind wie das alte Leben, die Heimat und die Einheit der Familie. Die Authentizität dieser Texte rührt dabei nicht nur von dem Wissen um ihre Wahrheit, sondern auch von ihrer klaren, transparenten Sprache, mit der sowohl die erzählerischen als auch teilweise fast philosophischen Passagen begangen werden und die Ginzburgs gesamtes Werk prägt.

Nachzulesen ist diese Erzählung, diese Lebenserinnerung von Natalia Ginzburg u.a. in Italienische Weihnachten, Die schönsten Geschichten, gesammelt von Klaus Wagenbach, Berlin, Wagenbach 2007 bzw. in der Neuauflage im roten Leinen von 2016. Ursprünglich entstammt der Text dem Erzählungsband Die kleinen Tugenden von Natalia Ginzburg (2. Auflage 2016 im Wagenbach Verlag) und ist die erste Geschichte dieser Sammlung, die die Autorin selbst zusammengestellt hat. Wer die italienische Originalversionen bevorzugt, dem sei der Band Le piccole virtù, a cura di Domenico Scarpa aus dem Turiner Einaudi Verlag von 1998 [Erstausgabe 1962] empfohlen.

Neben Winter in den Abruzzen sind genauso die weiteren Erzählungen bzw. Essays lesenswert, etwa Die kaputten Schuhe/ Le scarpe rotte, in der die Bedeutsamkeit der vom Leben gezeichneten, der abgetragenen Schuhe nachempfunden wird. In Stille/ Silenzio werden die unterschiedlichen Erscheinungsweisen der Stille und des Schweigens reflektiert. In Menschliche Beziehungen/ I rapporti umani werden die menschlichen Beziehungen als ein eindeutiges und unmittelbares Problem in den Blick genommen, als eine täglich immer wieder neu zu erarbeitende Qualität. Da gibt es neben den Familienerinnerungen auch Freundschaften und andere menschliche Beziehungen, etwa die zu dem Schriftsteller Cesare Pavese oder zu Ginzburgs zweiten Ehemann Gabriele Baldini, die nicht die großen, sondern die kleinen Tugenden beschreiben.

„Ich weiß nicht, was mich zum Schreiben antreibt. Ich denke, wir schreiben, um mit unseren Nächsten zu kommunizieren.“, sagte Ginzburg einmal in einem Interview über ihr Schreiben. Und so fallen die Texte und ihre Inhalte mit der Form und ihrer Autorin unmittelbar zusammen, werden das Erzählen und das Erzählte zu einer Tugend wie Nächstenliebe, Selbstlosigkeit oder Bescheidenheit. Das Schreiben Ginzburgs ist also noch viel mehr als eine Dokumentation, es ist ein Gespräch, auch mit Ihnen, lieber Leser. Hören sie zu und nehmen sie teil!

Natalia Ginzburg: Inverno in Abruzzo o arancie in esilio

Nel racconto Inverno in Abbruzzo di Natalia Ginzburg succede non tanto e tuttavia una quantità. Una famiglia vive nella Seconda Guerra Mondiale nelesilio in Abbruzzo. Primo non succede più. Però i incontri con le persone del posto, con i loro aspetti, i loro abitudini del carattere, le loro domande e i loro risposti non colmano solo i suoi giorni, ma si disgelano anche la loro estraneità contro alle persone del posto e la loro condotta di vita. L’isolamento dei esuli dalla propria identità – la vita in città, la vita quotidiana di là e la normalità che fa cieco – fa vedere particolarmente i destini umani e le piccole virtù, i circulazioni e corsi della vita delle persone del posto e della propria vita.

L’esilio si svela come luogo a cui nascono la nuova vita e la nostalgia di patria. La nostalgia invia l’anime esiliate in un secondo isolamento, vale a dire non solo questo della propria vita, ma anche questo della vita degli altri, dei stranieri vicino a quelli ricevano la protezione. In veste dei profughi rimangono isolate. Fa male pensare a casa sua e proprio così fa male di non pensare a casa sua. “A volte la nostalgia si faceva acuta ed amara, e diventava odio […]”, si nota in Ginzburgs Inverno in Abruzzo. I sentimenti degli esuli pervengono alle sue frontiere come i profughi che sono gremiti dal centro della sua vita alle periferie dei monti e della società. I nuovi affidati amici e vicini diventano di nuovo stranieri della vita vecchia nei momenti in cui prevale la nostalgia. Ai sconfinamenti seguono nuove frontieri, quelle interno e fuori, quelle tra alloggio e sentirsi perso, quelle tra la comunità e la solitudine, tra l’inverno e l’estate, tra la vita e il morto, la Guerra e la pace che devono essere percorso e negoziato sempre di nuovo.
Il ricordo crudo ma anche idilliaco della messa al bando della famiglia a un villaggio di montagna in Abbruzzo diventa rilanciato in realtà – la storia recente della seconda guerra mondiale – tramite una fine dirupato quando il narratore racconta l’uccisione del marito per le naziste in una prigione romanesca. Al più tardi qui è chiaro che Ginzburg rapporta la sua propia autobiografia con il suo marito Leone Ginzburg, il partigiano e confondatore della casa editrice Einaudi a Torino, chi si sposa 1938 e con chi si è esiliata in Abbruzzo. La loro messa al bando dovevo garantire che il processo di diffondere il fascismo nella società italiana tramite Benedetto Mussolini non sarebbe stato in pericolo. Al più tardi adesso è anche chiaro che l’esilo in cui la coppia giovane compre le arrancie da Girò d’inverno era un paradiso del passato dalla famiglia in cui i sogni, le speranze e le professioni di fede in un future nuovo erano irrecuperabile come la vita vecchia, la patria e l’unità della famiglia. L’autenticità di questi testi non trarre origine solamente dal sapere della verità, ma anche dalla sua lingua chiara e trasparente con cui sia i brani narrativi che in parte anche filosofici sono scritti e l’opera complessivo di Ginzburg.

Si può rilettere il racconto di Natalia Ginzburg, questo ricordo della vita fra l’altro in Italienische Weihnachten, Die schönsten Geschichten, collezionato di Klaus Wagenbach, Berlino 2007 rispettivamente in edizione nuova di 2016. Primordiale il testo discende al volume di racconti Die kleinen Tugenden di Natalia Ginzburg (2. edizione di Wagenbach 2016) ed è il primo racconto del collezione che ha ragruppato l’autrice se stessa. Che preferisce la versione originale cui sei consigliato la collezione Le piccole virtù a cura di Domenico Scarpa di Einaudi, Torino 1998 [prima edizione 1962]. Accanto Inverno in Abruzzo sono raccomandabile anche gli altri racconti cioè saggi, per esempio Le scarpe rotte, in cui si rivive la significatività delle scarpe logorate e disegnate dalla vita. In Silenziosi riflette i diversi modi di apparenza della calma e del silenzio. In I rapporti umani si guarda ai rapporti umani di un problema chiaro e immediate nella quotidanità, di una qualità che si bisogna acquistare ogni giorno di nuovo. Ci sono accanto i ricordi famigliare l’amicizie e altri relazioni umani, per esempio col scrittore Cesare Pavese o col secondo marito di Natalia Ginzburg, Gabriele Baldini. Quelli non descrivono le grande, ma le piccole virtù. 

“Non so che cosa mi muove per scrivere. Penso che scriviamo per communicare con i nostril vicini.”, diceva Ginzburg una volta in una intervista attraverso la sua scrittura. E così i testi e i suoi contenti coincidono con la sua forma e la sua autrice stessa, il raccontare e il raccontato diventano una virtù come l’amore del promisso, generosità o modesta. Allora la scrittura die Ginzburg è di più di una documentazione, è una conversazione, anche con Lei, cari lettori. Ascoltate e partecipate!

Willkommen/Benvenuti 2017

Liebe Italienreport Leser!

Ich wünsche Ihnen allen ein frohes neues Jahr 2017, möge es ein besonders gutes, sonniges und italienisches werden. Ich freue mich auf meine treuen Leser genauso wie auf viele neue Interessenten und Followers, die ich herzlich willkommen heißen möchte! Ist es im letzten Jahr etwas ruhig bei Italienreport gewesen, so lag das mit Sicherheit nicht an einem Mangel an Ereignissen, Veranstaltungen, Büchern, Bildern und meteorologischen wie politischen Stürmen, sondern an alltäglichen Anforderungen, die sich, Ihre Redakteurin Rike Römhild, zu bewältigen hatte. Umso mehr freue ich mich auf ein wort- und bilderreicheres Jahr mit Italienreport und all dem, was es hier zu entdecken gibt. Dabei wird es auch eine Neuigkeit geben: alle Beitröge sollen in Zukunft bilingual, also nicht mehr nur auf Deutsch, sondern auch auf Italienisch erscheinen. Der Grund dafür ist plausibel: Italienreport hat weitaus mehr italienische Follower auf Facebook und v.a. bei Twitter gefunden als ich es mir hätte vorstellen können. Und so hoffe ich, unsere deutsch-italienische Freundschaft auch sprachlich auf zwei feste Füße stellen zu können, reichlich zu pflegen und zu gestalten. Anregungen, Lob und Kritik sind herzlich willkommen!

Cari lettori di Italienreport!

Vi auguro un buon anno nuovo 2017, speriamo che diventi un anno particolarmente buono, soleggiato e italiano. Sono molto lieta di incontrare i miei lettori fedeli, ma anche tanti nuovi interessati e followers a cui vorrei dare il benarrivata! L’anno scorso è stato più calmo attorno a Italienreport non perché non ci sono stati vicende, eventi, manifestazioni culturali, libri, quadri e bufere meteorologiche come politiche, ma perché è stato piena di impegni quotodiani e professionale che io, Loro redattrice Friederike Römhild, avevo dovuto di superare. Per di più mi fa piacere cominciare con Italienreportun anno ricco di parole e immagini e con tutto che c’è da scoprire qui. Intanto c’è anche una novità: nel futuro tutti contributi diventano pubblicati bilingui, cioè non solo in tedesco, ma anche in italiano. La causa per questo è plausibile: Italienreport ha trovato molto di più followers italiani su Facebook e sopratutto Twitter che io mi avrei avuto immaginato all’inizio di questo magazzino. E così spero che possa basare nostra amicizia tedesca-italiana anche in senso linguistico su due piedi forti, coltivarla e configurarla riccamente. L’ispirazioni, la lode e la critica sono benvenuti!

Con i saluti migliori,
Rike Römhild

Folge 12: Natalia Ginzburg: „So ist es gewesen“

Der literarische Durchbruch einer italienischen Autorin oder von der Wahrheit der Liebe und des Lebens

Natalia Ginzburg stößt bereits im ersten Absatz der ersten Seite ihres zweiten Romans So ist es gewesen (1947) in das Mark ihrer Geschichte: „Ich habe ihm in die Augen geschossen.“, erzählt eine junge Frau, die ihrem Mann Alberto noch bei seinen Reisevorbereitungen hilft, bevor sie ihn ermorden wird und mit Regenmantel und Handschuhen in einen Park flüchtet, um sich und ihr Leben zu sammeln. Klar ist damit nicht nur, dass es in diesem kurzen Roman, der keine 100 Seiten umfasst, um Liebe, Ehe und Mord gehen wird, sondern klar ist auch, dass dieser Roman es von der ersten Sekunde an versteht, seinen Leser zu packen und eine Spannung zu erzeugen, die bis zur letzten Seite anhalten wird. Völlig schnörkellos und realistisch erzählt dieser Roman alles, was für die Geschichte notwendig ist, um die Wahrheit sowohl der Geschichte, als auch der Ästhetik und Sprache dieses Romans zu ergründen. „Ich habe zu ihm gesagt: »Sag mir die Wahrheit«, und er hat gesagt: »Welche Wahrheit?« und zeichnete rasch etwas in sein Notizbuch.“ Mit diesem Satz eröffnet Ginzburg ihren Roman und schickt damit zusammen mit dem Höhepunkt der Handlung die Moral der Geschichte ihrem Roman voraus: Was ist Wahrheit und gibt es überhaupt eine Wahrheit? Statt in weitschweifende philosophische Reflexionen oder abstrakte Charakterzeichnungen abzudriften, bleibt die Erzählerin ganz nah dran an der Geschichte, d.h. an der Realität und damit an der Wahrheit, für die das Leben geopfert wird – das eigene und das des anderen.

Verità va cercando, ch’è sí cara,

Come sa chi per lei vita rifiuta.

Um das zu verstehen, erinnert die Erzählerin ihre Vergangenheit in der Gegenwart: „Ich dachte darüber nach, was ich tun sollte. In Kürze würde ich zum Polizeipräsidium gehen, sagte ich mir. Ich würde versuchen zu erklären, wie die Dinge sich in etwa zugetragen hatten, aber es würde nicht leicht sein. Man muß beim ersten Tag beginnen (…).“ Und das macht sie dann auch, sie beginnt mit dem Kennenlernen ihres Mannes bei der Familie Gaudenzi, erzählt von ihren Eltern, den Spaziergängen und Treffen mit Alberto, ihrem Liebesgeständnis, dem Heiratsantrag, von Zweifeln und Widersprüchen, der Hochzeitsreise und der zunehmenden Entfremdung, von Zweisamkeiten und Dreiecksgeschichten, vom Schweigen und von verschwiegenen Affären, von der Geliebten ihres Mannes und der Geburt ihrer gemeinsamen Tochter, von Aufbrüchen und Rückkehrbewegungen, von Trennungen und Bindungen, von alten Zwängen und neuen Freiheiten, von unvorhersehbaren Ereignissen und jenem Mord, auf den dieser Roman von der ersten Seite an zusteuert.Die 1916 in Palermo geborene Natalia Ginzburg ist eine der wichtigsten italienischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Ihr bekanntester Roman ist das Lessico familiare (Familienlexikon), das 1963 erschien und autobiographische Züge enthält. Ihr Frühwerk, etwa in eine ihrer ersten Erzählungen, Der Sommervon 1946, ist noch der Ästhetik des italienischen Neorealismus verpflichtet, bevor sie ihre ganz eigene realistische Sprache und ästhetische Nische in der italienischen Nachkriegsliteratur findet, die zwar dem Realistischen verpflichtet bleibt, sich jedoch nicht ohne weiteres einer Strömung zuordnen lässt. Über ihre schriftstellerischen Anfänge berichtete Natalia Ginzburg selbst: „Mir schien, als wollte ich den Neorealismus. Kurz gesagt, ich wollte dem entfliehen, was die Literatur in den Jahren des Faschismus gewesen war, also fern, distanziert. Weit weg von den Tatsachen des Lebens. Mir schien, der Neorealismus bedeute, sich dem Leben anzunähern, ins Leben, in die Wirklichkeit einzudringen.“1 Die Anfänge ihres Schreibens sind noch von der ästhetischen und ethischen Abgrenzung zum Faschismus und von ihrer Ehe mit Leone Ginzburg, einem antifaschistischen Widerstandskämpfer geprägt, nach dessen Ermordung 1945 durch deutsche Soldaten in einem römischen Gefängnis Natalia Ginzburg von Rom nach Turin zog. In Turin, wo sie ihre Kindheit verbracht hatte, begann sie wenig später in einem der bedeutendsten Verlagshäuser Italiens, dem Verlag Einaudi, zu arbeiten. Dort traf sie auf die geistige Elite des Landes und der Nachkriegszeit: Italo Calvino oder etwa Cesare Pavese und Elio Vittorini, die u.a. wichtigsten Autoren des italienischen Neorealismus. 1952 folgte die junge Autorin ihrem zweiten Ehemann, dem Anglistik-Professor Gabriele Baldini, erneut nach Rom, bis sie gemeinsam 1959 nach London auswanderten, wo sie auch ihr bekanntestes und vielleicht wichtigstes Werk verfasste, jenes Familienlexikon, für das sie den Premio Strega erhielt. In diesem Werk brachte sie ihren realistischen Stil, den sie in den fünfziger Jahren entwickelte, zur Vollendung. Sie selbst sagte über ihren Roman: „Es zu schreiben war für mich genauso wie sprechen.“2 In diesem Roman vermischen sich Schreiben und Leben vollständig und werden familiärer Mikrokosmos, menschliche Erinnerung und Beobachtung bis aufs äußerste entfaltet. Letztere ziehen sich wie ein roter Faden durch ihr gesamtes Werk.

Der Kurzroman So ist es gewesen (1947) markiert den Beginn dieses roten Fadens im Werk von Natalia Ginzburg und ist dabei so stringent und konsequent erzählt, wie fast keines ihrer nachfolgenden Werke mehr. Zurecht feierte Italo Calvino diesen Roman enthusiastisch, der im Schatten des darauf folgenden Werkes in Vergessenheit geraten zu sein scheint und den es unbedingt lohnt auf dieselbe Weise zu lesen wie er geschrieben worden ist: unnachgiebig, zügig, spannend, unmissverständlich und wahrhaftig.

Natalia Ginzburg:
So ist es gewesen,
Berlin: Wagenbach Verlag 2008.
93 Seiten. 9,80€
Anmerkungen
[1] Zitiert nach Albath, Maike: Der Geist von Turin. Pavese, Ginzburg, Einaudi und die Wiedergeburt Italiens nach 1943, Berlin: Berenberg Verlag 2010. S. 147.
2 Zitiert nach Albath (2010): Der Geist von Turin. S. 149.

Mein Freund, der Mörder: wenn das Opfer seinen Mörder kennt

Ein neuer Fall für Commissario Lojacono aus Neapel oder Die Gauner von Pizzofalcone von Maurizio de Giovanni

Maurizio de Giovanni ist 1958 in Neapel geboren. Er hat zwar Literatur studiert, arbeitet aber hauptberuflich zeitlebens als Banker, um sich die Freiheit zu nehmen, mit dem Schreiben auch wieder aufzuhören, wenn ihm keine Geschichten mehr einfallen. Doch noch fallen sie ihm ein, Gott sei Dank, denn sie werden viel und gern gelesen, nicht nur in Italien und England sowie Amerika, auch in Deutschland. Die Serie um Kommissar Lojacono, der auch in diesem Kriminalroman ermittelt, begann 2012 mit dem ersten Fall  „Il metodo de coccodrillo“, der im Mondadori Verlag und 2014 erstmals in deutscher Sprache im Rowohlt-Verlag unter dem Titel „Das Krokodil“ erschien. Für seinen ersten Fall erhielt er den wichtigsten italienischen Preis für Krimis, den Premio Scerbanenco. Seit 2013 erscheinen de Giovannis Kriminalromane in Italien im renommierten Einaudi Verlag, der erstmalig „I bastardi di Pizzofalconi“ herausgab. Dieser Fall erscheint in drei Tagen, am 28. August 2016, in deutscher Sprache, natürlich wieder im Rowohlt-Verlag. Wieder besticht bereits der Einband durch sein dargestelltes Schattenspiel in Gelb-Orange und Braun bis Schwarz wie bereits „Das Krokodil“. Kaum zu übersehen sein dürfte daher der zweite Falle des Commissario Lojacono in den Buchhandlungen, in denen Maurizio de Giovanni bereits zum beständigen Inventar gehört. Parallel zu Commissario Lojacono ermittelt nämlich auch seine eigentlich erste Ermittlerfigur, Commissario Ricciardi, den de Giovanni das erste Mal bereits 2006 mit „Le Lacrime del Pagliaccio“ (Einaudi) in die Welt des Bösen schickte. In diesem Jahr erschien auch hier ein neuer Fall, „Serenata senza nome. Notturno per il commissario Ricciardi“ (Einaudi 2016). Getrost könnte Maurizio de Giovanni, der als einer der wichtigsten italienischen Krimi-Autoren angesehen werden kann, allein von seinen Büchern Leben. Doch vielleicht liegt gerade darin das Geheimnis seiner Fantasie, die sich nicht kommerzialisieren muss, um zu überleben und gerade deshalb ungebrochen weiterzuerzählen vermag. Übrigens ist de Giovanni nicht nur Krimi-Autor, sondern auch Autor zahlreicher Erzählungen, die den deutschen Lesern bisher unbekannt sein dürften. Doch es gibt ja auch so viel noch zu lesen, denn in italienischer Sprache liegen bereits drei weitere Fälle seiner Kommissare vor. Es bleibt also spannend! In „Die Gauner von Pizzofalcone“ führt es den Commissario, der gerade erst in seinem neuen Kommissariat in Pizzofalcone seine Arbeit aufnimmt, in die besten Viertel Neapels, in dem die Gattin eines Notars tot aufgefunden wird. Nicht nur kämpft Lojacono gegen den schlechten Ruf seiner Vorgänger an, sondern auch gegen die undurchsichtige Faktenlage, die darauf hindeutet, dass der Mörder nicht irgendjemand, sondern ein Bekannter des Opfers gewesen sein muss…

Maurizio de Giovanni: Die Gauner von Pizzofalcone, Lojacono ermittelt in Neapel,
aus dem Italienischen von Susanne van Volxem, Berlin: Rowohlt 2016. 9,99€
 
Auf der Homepage des Rowohlt Verlages stehen ein Interview mit dem Autor und eine Leseprobe bereit: http://www.rowohlt.de/news/inspektor-lojacono-neapel-das-krokodil.html
 
Wer mehr über den italienischen Krimi erfahren möchte, sei herzlich zu Italienreports7. Folge vom 29. November 2015 in der Rubrik „Conversazione a…“ eingeladen:
 
Italienische Krimis und deutsche Leser – eine unbekannte Liebe?
Über italienische Kommissare aus Deutschland und
deutsche Übersetzungen aus dem Italienischen

deutsch-italienische Grenzgänge

Valerio Vincenzo ist ein italienischer Fotograf, der über acht Jahre lang die Grenzen innerhalb Europas, die geographischen, politischen und kulturellen, die physischen wie die mentalen Grenzen aufgespürt, erforscht und dokumentiert hat. Dabei zeigen die Fotografien oftmals nicht das, was man sich gerade in diesen Tagen der Flüchtlingskrise unter eine Grenze vorstellt. Vincenzos Fotografien laden ein Grenzen friedlich zu denken. Sie arbeiten sich damit weniger an den Grenzen der Vergangenheiten ab als an dem Entwurf von Grenzen in der Zukunft. Eine ästhetisch wie ethische Punktlandung vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Ereignisse. Seht her, es lohnt sich! Mehr unter http://www.valeriovincenzo.com/

 
 

„Poesia Italiana, Italienische Lyrik“

Ausgewählt und übersetzt von Christoph Wilhelm Aigner, Società Dante Alighieri Salzburg 2015

Ein Autor, ein Gedicht, aber mehr als ein Jahrhundert. Diese Anthologie der Dante-Gesellschaft in Salzburg besticht durch ihre Klarheit und Prägnanz. Es werden insgesamt 22 Autoren und 22 Gedichte in italienischer Originalfassung und in deutscher Übersetzung des Schriftstellers Christoph Wilhelm Aigners präsentiert. Aigner ist neben seinen eigenen Dichtungen – er gilt als der bedeutendste zeitgenössische Lyriker Österreichs – v.a. für seine Übersetzungen von Giuseppe Ungaretti bekannt. Bereits seit 2003 übersetzt Aigner Gedichte aus dem Italienischen für die Programmzeitschrift der Società Dante Alighieri Salzburg, doch diese Anthologie ist die erste, die anlässlich des achtzigjährigen Bestehens der Dante-Gesellschaft in Salzburg 2015 erschienen ist.

Die Anthologie stellt vor jedem Gedicht seinen Autor auf einer Seite vor, indem biographische und manchmal rezeptionsästhetische Aspekte kurz und bündig dargestellt werden. Auf den folgenden Seiten erscheint jeweils linksseitig das italienische Gedicht und auf der rechten Seite die deutsche Übersetzung. Auf insgesamt 96 Seiten erhält der Leser so einen Überblick über die italienische Lyrik beginnend bei Giacomo Leopardi im 19. Jahrhundert bis hin zu Silvia Bre, die zuletzt 2011 durch ihre Übersetzungen von Gedichten Emily Dickinsons in Erscheinung trat und in dieser Anthologie als Dichterin vorgestellt wird. Giorgio Simonetto verweist in seinem Vorwort zur Anthologie „Poesia Italiana“ auf die Größe dieser kleinen Anthologie: „Schritt für Schritt bildet seine [Aigners] Auswahl exemplarischer Texte eine essenzielle Landkarte italienischer Dichtung, die wesentliche Stationen des komplexen Weges von der Etablierung des modernen lyrischen Ichs bis zu den Entwicklungen unserer Tage veranschaulicht.“ (S. 5) Es ist eine Freude, dass Giorgio Simonetto ankündigt, dass es eine Fortsetzung dieser Anthologie geben wird. Hoffen wir Leser also, dass wir nicht allzu lange warten müssen.

Die hier vorgestellte Anthologie kann bei der Società Dante Alighieri online für 15 € bestellt werden: info@dante-salzburg.at . Wer mehr über und von der Società Dante Alighieri erfahren will, dem sei die Homepage www.dante-salzbur.at empfohlen.
Viel Vergnügen bei der Lektüre, Eure Italienreport-Redakteurin Rike Römhild

Neuerscheinungen aus dem Italienischen im März 2016

Gianrico Carofligio: Eine Frage der Würde, Ein Fall für Avvocato Guerrieri, aus dem Italienischen von Victoria Schirach, München: Goldmann, März 2016.

Der 1961 in Bari geborene Schriftsteller Carofiglio arbeitet viele Jahre als Antimafia-Staatsanwalt. Mit seinen Krimis um den Avvocato Guerrieri, dessen fünfter Fall nun im März 2016 erscheint, ist er sehr erfolgreich in Italien, Deutschland und der ganzen Welt. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere weht dem Richter Pierluigi Larocca ein scharfer Wind entgegen. Man bezichtigt ihn der Bestechung und Larocco wendet sich an seinen alten Freund, den Anwalt Guerrieri. Die bedingungslose Hilfe seines Freundes wird jedoch auf eine harte Probe gestellt, denn im Laufe des Verfahrens tauchen widersprüchliche Hinweise auf…

 


Enrico Ianniello: Das wundersame Leben des Isodoro Raggiola, aus dem Italienischen von Christiane von Bechtholsheim, München: Piper, 01. 03. 2016.

Im Zentrum des Romans steht der Junge Isodoro, der mit seinen Eltern ein friedliches und harmonisches Leben in einem Dorf in Süditalien führt. Doch das Glück ist endlich. Isidoros Eltern kommen bei einem Erdbeben ums Leben. Tief traumatisiert verliert Isidoro seine Sprache und taucht statt zu sprechen in die Welt der Bücher ein. Als er in Neapel auf einen Unbekannten trifft, verändert diese Begegnung alles in seinem Leben. Der Roman Das wundersame Leben des Isodoro Raggiolaist Ianniellos erster Roman, für den er zahlreiche literarische Auszeichnungen erhielt.

 


Michele Serra: Die Liegenden, aus dem Italienischen von Julika Brandestini, Zürich: Diogenes, 23. 03. 2016.

Der Roman erzählt von Väter und Söhnen, von Generationenkonflikten und von neuen Menschentypen, den Liegenden. Im Zentrum steht das Verhältnis zwischen einem Vater, der seinen achtzehnjährigen Sohn beobachtet, der sein halbes Leben liegend zu verbringen scheint. Im Liegen lässt es sich nämlich besser surfen, wie? Rein virtuell natürlich und darüber vergisst der Junge offensichtlich seinen Vater, der dadurch die Gelegenheit erhält, seinen Sohn unbemerkt zu beobachten. Michele Serra ist in Italien auch wegen seiner Kolumnen für La Repubblica und L’Espresso bekannt.

 


Michele Serra: Kleine Feste, Geschichten und Beobachtungen, aus dem Italienischen von Julika Brandestini, Zürich: Diogenes, 23. 03. 2016.

 

In Kleine Feste erzählt Serra von zwölf verschiedenen Ereignissen im Alltag unterschiedlicher Menschen, die wie kleine Feste des normalen Lebens sind und dabei viel essentieller und feierlicher als so manch große Zeremonie. Serra ist ein scharfer Beobachter seiner unmittelbaren Umgebung. „Ein großartiger Autor.“ (Claudio Magris)

 


Antonio Tabucchi: Reisen und andere Reisen, aus dem Italienischen von Karin Fleischanderl, München: Carl Hanser, 14. 03. 2016.

Tabucchi zählt zu einem der wichtigsten italienischen Autoren des 20. Jahrhundert und zu einem der wenigen italienischen Autoren, die wie oder beinah wie sein kürzlich verstorbener Kollege Umberto Eco in Deutschland und in der ganzen Welt ein großes Publikum gefunden hat. Im Hanser Verlag erschienen zahlreiche Titel seines Werks auf deutscher Sprache. In diesem neuesten Band nimmt uns Tabucchi mit an die Orte seiner Erzählungen. Wir sind eingeladen auf eine Reise nach Paris, Madrid, Lissabon, nach Griechenland, Rumänien, Indien, Brasilien. Auf Reisen nähert sich Tabucchi mit seinen Lesern den Grenzen zwischen Realität und Imagination, Fremdheit und Vertrautheit. Nehmen wir sie an, diese Einladung eines erfahrenden Reisenden und weltgewandten Autors.

 


Giorgio Bassani: Die Gärten der Finzi-Contini, aus dem Italienischen von Herbert Schlüter, Berlin: Wagenbach Verlag, März 2016. 
Aus der Backlist des Wagenbach Verlags ist einer der wichtigsten italienischen Romane des 20. Jahrhunderts wieder in deutscher Übersetzung erhältlich. Bassani erzählt die Liebesgeschichte zwischen dem jüdischen Mädchen Micól und dem Ich-Erzähler in den 1930er Jahren. Erzählt wird ebenso die Geschichte des italienischen Antisemitismus, die die bürgerliche Familie Finzi-Contini aus Ferrara versucht zu überstehen, indem sie sich in ihr Anwesen zurückzieht und ihre Gärten für die Umgebung öffnet, um so zugleich den jugendlichen Kindern die Teilhabe an der italienischen Gesellschaft und Kultur zu Teil werden zu lassen. Die Gärten der Finzi-Contini war Bassanis erster Roman, mit dem er weltberühmt wurde und der 1970 von dem nicht weniger bedeutenden und bekannten Vittorio De Sica verfilmt wurde.

 


Gaby Wurster (Hg.): Triest. Eine literarische Einladung, Berlin: Wagenbach Verlag, März 2016.

Die literarischen Einladungen in die Metropolen und Städte dieser Welt gehören nicht nur seit vielen Jahren zum festen Programm des Wagenbach Verlages, sondern auch dass seiner treuen Leser. Wer schon einmal eine literarische Einladung erhalten hat, weiß worauf er sich freuen kann: Einblicke und Ausblick auf Städte und Landschaften, Landsleute und Touristen, Alltagsgeschehen und Reiseerfahrungen. Neben seiner wechselvollen Geschichte gehört zu Triest auch eine wichtige literarische Tradition, die diese Einladung nicht auslässt: die Lyrik von Umberto Saba und die Prosa von Italo Svevo, außerdem Claudio Magris, Susanna Tamaro und viele mehr. Sie können Sie alle kennenlernen, wenn sie der Einladung folgen mögen. Herzlich Willkommen, in Triest und im Wagenbach Verlag.

Folge 11: Blau wie das Meer oder „Die Geometrie der Liebe“

Luigi Trucillo: Die Geometrie der Liebe, Hamburg: mareverlag 2015

Ein Archivar eines Zeitungsarchivs aus Neapel und eine Doktorandin der Sinologie, die sich gerade von ihrem Freund getrennt hat, verlieben sich auf einer Fähre nach Piräus (Griechenland). Hin und her geht es nicht nur zwischen Neapel und den griechischen Inseln Piräus und Samos, sondern vor allem in der schnell entfachten Liebe dieses Paares, der es bis zum Schluss nicht gelingt, bedingungslos und formgleich zu werden. Die Geometrie dieser Beziehung ist keineswegs einfach und schon gar nicht symmetrisch. Während die junge Frau über ein Jahr darauf wartet, mit dem getrennten Familienvater zusammenzuziehen, um ihre Liebe tief und ganzheitlich zu leben, bleibt der Archivar zurückgezogen und misstrauisch. Die rasende, obsessive Eifersucht des Archivars sowie seine Entscheidungsschwäche für ein Leben mit der jungen Frau, aus schlechtem Gewissen seiner Tochter gegenüber, blockieren die leidenschaftliche Liebesbeziehung, die so leicht und innig in einer gemeinsamen Nacht begonnen hatte.

In jeder Paarbeziehung gibt es freie Rollen, die zu besetzen sind.

Als seine Freundin ihm gesteht, auf ihrer mehrmonatigen Chinareise, auf die er sie ebenfalls wegen seiner Tochter nicht begleiten konnte, fremd gegangen zu sein, beginnt dem Archivar die Wirklichkeit zu entgleisen. Auslöser für die bald wahnhafte Eifersucht des namenlos bleibenden Archivars ist schließlich eine Fotografie aus seinem Archiv, die einen Raubüberfall dokumentiert und auf der eine Frau zu sehen ist, die der jungen Sinologin stark ähnelt. Ist sie es? Ist sie es nicht? Was ist an diesem Tag geschehen? Was ist Wahrheit, was ist Lüge? Was Realität, was Irrealität? Der Archivar beginnt der jungen Frau hinterher zu spionieren und in ihren privaten Sachen zu wühlen. Während er ihr ein Parallelleben unterstellt, merkt er nicht, dass er selbst längst ein solches zu führen angefangen hat. In diesem anderen Leben beginnt sich der Erzähler mehr und mehr nicht nur von seiner Normalität, sondern auch von sich selbst zu entfernen. Und so ist diese Geometrie der Liebe vielmehr ein Chaos der Gefühle, die immer wieder umschlagen zwischen Liebe, Anziehung und Nähe einerseits und Ablehnung, Angst und Distanzierung andererseits. Zweisamkeit bleibt letztlich Einsamkeit und die Leichtigkeit der Liebe wird von der Schwere der Eifersucht zerdrückt.

Aber die Dinge sind nur real, 

 wenn wir uns auch entschließen, sie anzusehen.

Welchen Weg also kann diese Liebe nehmen, wenn sie nicht jener Linie treu bleibt als die sie zu Beginn des Romans bestimmt wird: „Die Linie, die du so markierst, ist der Weg, den du für eure Liebe vorzeichnest, die Schwelle, die deine Leidenschaft entschlossen überschreiten will. Nun kann eure Beziehung beginnen.“ (S. 14) Der Weg, den diese Liebe nimmt, entspricht dem tatsächlichen Weg der Protagonisten: es ist der Weg über das Meer. Die Liebe „ist blau wie das Meer“ (S. 47). Das Meer mit seiner glatten Oberfläche ebenso wie mit seinen Untiefen, in denen die Angst des unentschlossenen Archivars strömt: „(…) bist wie ein Schiff, das fürchtet, von der Flasche zerbrochen zu werden, die es vom Stapel laufen lässt.“ (S. 23) Und so wird die Zusammenarbeit der Sinologin mit einem Journalisten des Fernsehsenders RAI für eine Sendung über die chinesische Mafia für den eifersüchtigen Archivar ein „Unterwasserkonflikt“ (S. 39), in dem Angst die bestimmende Strömung bleibt. Das Meer ist der Ort, an dem die Liebe einst entstand, sich zu tragen begann und an dem sie wieder auseinanderströmt. Das Meer ist der Ort, an dem Atmosphäre sich zu Stimmungen verdichtet: „Über der Terrasse ist ein prall mit Wasser gefüllter Mond aufgegangen. Vom Meer kommen Windböen, die sich in den Servietten verfangen und sie gegen die Brüstung wehen.“ (S. 17) Schließlich geht der Archivar über das Meer, fährt auf die Insel Samos, wo er sich auf die Ärztin Yoanna einlässt, um sich an seiner Freundin zu „rächen“. Mit Yoanna, der Frau mit den „schiffbrüchigen Augen“ (S. 73), schwimmt er im kobaltblauen Meer. Mit ihr verlangsamt sich die Zeit, entspannt sich sein Gefühl, wird das „Wasser zur Erlösung“ (S. 90) im Fluss des Lebens. Doch Wellen durchfluten letztlich das Meer wieder und reißen es auf, so wie auch das Sprachmeer Trucillos.

In Trucillos Roman ist fast alles reduziert: die Zahl der Figuren, die Handlungsstränge, die Zahl der Ereignisse, die Orte und Zeiten – nur eines nicht: die Sprache, die wenn sie an sich auch schlicht bleibt, in ihrer poetischen Entfaltung eine visuelle Kraft erlangt, die beeindruckt. Nur stellenweise, wenn der Liebesakt erzählt wird, kippt die Poesie der Wassermetaphorik in die Obsession einer unbedingt konstruierten Sprache: „Als du in sie eindringst, möchtest du mit deinem Glied am liebsten bis hinauf in das Zentrum ihres Blickes, der dich durchtränkt wie eine flüssige Flamme.“ (S. 13) Doch diese nur wenigen Momente überschatten kaum die Individualität und Poetizität dieses Romans. Die Geometrie der Liebe ist ein Roman, den man in einem Rutsch lesen kann oder vielleicht sollte, damit dieser besondere Ton, wenn man ihn endlich zu hören beginnt, nicht wieder abreist und man den vollen Klang von Trucillos eindrucksvoller Poesie erfassen und spüren kann.

In den insgesamt vier Kapiteln, auf die ein Epilog folgt, wählt der Ich-Erzähler die Perspektive des Du, die zunächst etwas befremdlich, zumindest ungewöhnlich und anfangs anstrengend wirkt. Es braucht daher etwas Geduld, um in den Flow dieses Textes zu kommen. Dass der eigentliche Ich-Erzähler die du-Perspektive wählt kann jedoch auch als erstes Anzeichen dafür interpretiert werden, dass er auf Distanz zu sich geht bzw. sich seiner selbst entfremdet fühlt. Entsprechend existentiell sind die Fragen, die Trucillo seinen Erzähler stellen lässt. Doch er hebt keineswegs philosophisch ab, sondern verbindet diese am Wesen des Lebens und der Liebe rüttelnden Fragen mit der episodischen Erzählung ganz alltäglicher Situationen, z.B. dem Einkauf in einem Kaufhaus oder dem Besuch eines Cafés. Ganz subtil gelingt es Trucillo so auch, die Reflexion von Liebe mit einer Kritik am Kapitalismus zu verbinden. Denn suggeriert letzterer, es sei immer möglich alles zu bekommen, was man begehrt, lehrt gerade die Erfahrung der Liebe, das dies nicht so ist.

Nun bist du, wo du bist, und zugleich nirgendwo.

Die Versuche einander zu verstehen und sich selbst zu verstehen, sind verzweifelt und vergeblich. Zu einer Aussprache kommt es nicht und die Liebe bleibt ein leidvoller Kampf um Kontrolle und Gewissheit. In diesem angstvollen Kampf ist echte Hingabe unmöglich. Und so ist die Liebe dieses Paares ein Aufbruch ohne Ankunft, eine Flut, die in der Ebbe versandet, eine Reise ohne gemeinsames Ziel. Ihre Liebe ist ein Torso: „Plötzlich wird dir dramatisch klar, dass du jetzt, da ihr an diesem Punkt angelangt seid, nur noch kämpfen kannst, versuchen, sie zu orten und aus diesem Meer von Distanz zurückzuholen. Doch du hast nicht viel Zeit: Mit jedem Moment, der vergeht, verfangen sich eure Augen einmal mehr woanders, bricht eure Umarmung ein Stück weiter auf.“ (S. 51) Liebe erweist sich als eine Verlusterfahrung, als das Gefühl, den anderen zu verlieren, nicht Teil von ihm werden zu können. Nach einem Streit flüchtet der Archivar in das ihm unerträglich erscheinende Venedig: „Schmerzhaft wird dir bewusst, dass auch ein Bruch eine Verbindung sein kann.“ (S. 58) Doch es bleibt das „schreckliche Gefühl, kurz davor zu sein, etwas zu erfassen, das dir jedoch immer wieder entgleitet. (…) Wie ein Stadtteil der, Zentrum sein will, es jedoch niemals sein wird. Sprich: wie eine Peripherie.“ (S. 123-124)

Dabei ist die Geometrie der Liebe auch eine Geometrie der Zeit. Hatte sich Zeit mit Yoanna entspannt und verlangsamt, beschleunigt sie sich mit der jungen Sinologin bis zu einem Moment höchster Spannung. „Du hast auf die Gegenwart gewartet. Die Ehrlichkeit einer Gegenwart, die frei ist von Eifersucht auf die Vergangenheit (…). Eine Gegenwart. Hier. Jetzt. Wie das tuckernde Fischerboot, das vor deinen Augen das azurblaue Wasser des Hafens von Samos durchpflügt.“ (S. 100) Der Augenblick absoluter Gegenwärtigkeit der Liebe wird auf Samos jedoch durch einen tagelangen Brand zunichte. Der Archivar trennt sich von Yoanna und nähert sich erneut der Sinologin an. Doch mit ihr nimmt die Zeit eine andere Richtung: „Die Zeit verändert sich, die Zeit wird zu einem fremden Land.“ (S. 126) Als der Archivar private und intime Briefe auf dem Computer seiner Freundin findet, reißt seine Obsession alle Dämme ein und wird rasend. Trucillo gelingt es noch auf der letzten Seite die Spannung auf ihren Höhepunkt zu halten und den Schiffbruch dieser Liebesbeziehung mit einer der Novelle ähnlichen unerhörten Begebenheit aufzulösen… Was bleibt, ist eine Liebe, die sich anfühlt „wie eine einzige offene Wunde“ (S. 60).

Luigi Trucillo wurde 1955 in Neapel geboren. Er ist später Romancier, denn Die Geometrie der Liebe, 2015 im mareverlag erschienen, ist sein erster Roman. Doch den italienischen Lesern (leider nicht den deutschen) ist er bereits als Lyriker bekannt und das verwundert kaum bei der Lektüre seines Romans, der von der Dichte und Intensität der lyrischen Sprache genährt ist. Trucilllos Roman erschien in Italien 2013 im Mondadori Verlag unter dem Titel Quello che ti dice il fuocoDas, was dir das Feuer sagt, ein Titel, der den Brand dieser obsessiven Liebe vielleicht etwas treffender einleitet als sein deutsches Pendant. Doch das ist kaum von Gewicht, bleibt Die Geometrie der Liebe ein dringend zu empfehlender Roman für all jene, die im Meer der Neuerscheinungen nach einer kunst- und niveauvollen, einer reflektierten und eindringlichen Stimme suchen. 

Luigi Trucillo: Die Geometrie der Liebe, aus dem Italienischen von Valerie Schneider, Hamburg: mare Verlag 2015. 18,00€. Mehr unter: http://www.mare.de/index.php?article_id=4179